Seite 53 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

Basic HTML-Version

Zu den sozialen Errungenschaften der AKS zählen Speisehaus, Säug-
lingsheim und ein „Aufenthaltslokal für 1. Kinder nach der Schule,
2. noch nicht zur Schule gehende Kinder, 3. für Kindergottesdienst“,
wie auf der Fotografie von 1880 vermerkt ist.
die man 1893 parallel zur zentralen Fabrikstraße stellte und in
einem prächtigen Blankziegelbau mit sakralem Gepränge insze-
nierte.
Neben dem Dampfmaschinenhaus befand sich das 1889 eben-
falls von Jean Keller erbaute Sortierungsgebäude, das mit seinen
drei Schiffen wie eine Basilika ausgeführt war. Daran schloss das
Verwaltungsgebäude an (im Zweiten Weltkrieg zerstört). Gegen-
über wurden die Nordwestsheds durch einen zweigeschossigen
Kopfbau begrenzt, 1910 errichtet im Stil der Fabrikschlösser
mit 22 Fensterachsen, gegliedert durch Lisenen und pilaster-
artige Mauerstreifen, bekrönt von geschweiften Dreiecksgiebeln
mit Firmenaufschrift. Seit 2009 beherbergt das letzte in Augs-
burg errichtete Fabrikschloss, das jahrelang hinter einer blau-
en Wellblechfassade verborgen war, das Staatliche Textil- und
Industriemuseum (tim). Fabrikschloss wie Firmenzentrale rich-
teten sich zur Provinostraße hin aus und bildeten eine Einheit
mit den gegenüberliegenden Villen der Vorstände, die mit ihren
schön angelegten parkähnlichen Gärten im wahrsten Sinne des
Wortes die Spitze der Fabrikanlage bilden. Die qualitätvolle und
repräsentative Ausführung aller Bauten erweist den nördlichen
Fabrikteil als den „Kopf “ der AKS. Hier zelebrierte man das
Ansehen der Fabrik, den Rang der Technik, den Segen der Arbeit
und – wer das Sagen hatte.
Der Süden der Anlage war dagegen das „Fundament“ der AKS.
Hier befand sich das in der Formensprache schon reduzierte,
aber aufgrund seiner Dimensionen und dem weit aufragenden
Kamin monumental wirkende Kesselhaus, das in mehreren Bau-
abschnitten bis zum 100-jährigen Firmenjubiläum 1936 fertig
gestellt wurde. Es stammt schon aus der Zeit, in der man sich
den Luxus gönnte, Energie vorrangig aus der Verbrennung der
damals extrem kostengünstigen Kohle zu gewinnen.
Südöstlich des Kesselhauses wurden die Arbeiterwohnungen
errichtet, das so genannte Kammgarnquartier. Von 1873 bis
1911 entstanden hier 20 Wohnhäuser für 138 Familien. Groß-
zügig bemessen waren die Gartenanteile für die einzelnen Woh-
nungen. Zu den Verkehrsstraßen hin wurden Kastanienbäume
gepflanzt, im Kern der Anlage dagegen Apfelbäume, deren Ernte
der Kinderbibliothek zugutekam. Diese war direkt imAnschluss
an das Quartier in der Dreiflügelanlage der früheren Kattun-
druckerei Fröhlich untergebracht, zusammen mit der Erwachse-
nenbibliothek, einem Raum für Kindergottesdienste, dem Mäd-
chenheim für die unverheirateten Fabrikarbeiterinnen und der
Abteilung für Krankenpflege. Daneben gab es ein Wasch- und
Badehaus mit 15 Waschküchen, vier Badekabinen und vier Tro-
ckenräumen. Die Badekabinen standen Familienangehörigen
zur Verfügung, während die Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter
in unmittelbarer Nachbarschaft ein eigenes Fabrikbad hattenmit
elf nach Geschlechtern getrennten Kabinen und zwei für Kran-
ke reservierten Badezellen. Zudem gab es eine große Kabine mit
einer 4420 Liter fassenden Wanne zum gemeinschaftlichen Bad