Seite 51 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
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Zu den Fabriken kamen also mit der Zeit die Arbeiterwohnquar-
tiere, die die einzelnen Firmeninseln vergrößerten und – nicht
immer sehr planvoll – näher zusammenrücken ließen. Aller-
dings fand in diesen Quartieren bei Weitem nicht die gesamte
Belegschaft Unterkunft. Bei SWA und AKS war es 1911 nicht ein-
mal ein Viertel, bei der Stadtbachspinnerei als Rekordhalterin
über 30 Prozent. Freilich waren damals wie heute Unternehmen
keine Wohlfahrtseinrichtungen. Die Werkswohnungen hatten
einen wichtigen Zweck, sie dienten dazu, die tragenden Kräfte
an die Fabrik zu binden, also vor allem Verwaltungskräfte, die
so genannten Beamten, und „Facharbeiter“. Insbesondere Letz-
tere waren gesucht und umworben, zumal sie in der Frühzeit
der Industrialisierung sehr mobil waren. Diese Bereitschaft zum
häufigen Firmenwechsel sollte über die Bereitstellung güns-
tiger und komfortabler Werkswohnungen vermindert werden.
Bei den Hilfsarbeiterinnen und Hilfsarbeitern, von denen sich
auf dem Arbeitsmarkt immer genug fanden, war dieser Aspekt
nicht so wichtig, auch wenn diese gerade in der Textilindustrie
zahlenmäßig dominierten. Der durchschnittliche Frauenanteil
in den Belegschaften lag hier bei 60 Prozent, wobei völlig aus-
geschlossen war, dass eine Frau je den „Facharbeiter“-Status
erreichte. Ebenso klar war, dass ein Anrecht auf eine Werkswoh-
nung nur besaß, wer in der betreffenden Fabrik arbeitete. Dies
konnte sogar so weit gehen, dass auch die Familienmitglieder in
der gleichen Fabrik zu arbeiten hatten, wenn sie nicht das Wohn-
recht (für die gesamte Familie) verwirken wollten.
Die Fabrik bildete einen eigenen Organismus, eine Gemeinde in
der Kommune. Besonders deutlich zeigte sich das an der Augs-
burger Kammgarnspinnerei – und selbst heute kann man an
dieser Fabrik die frühere in sich geschlossene Lebenswelt noch
ablesen. Mit einer Ausdehnung von 50 Hektar war die AKS
nach der MAN der größte zusammenhängende Fabrikkomplex
Augsburgs. Sie entstand aus relativ bescheidenen Anfängen. Der
Firmengründer Merz hatte für den Betrieb zunächst eine stillge-
legte Tabakfabrik sowie ein Sägewerk adaptiert und später eine
Kattundruckerei zugekauft. Zu ihr gehörte der so genannte Fär-
berturm in der Schäfflerbachstraße, den die AKS als Denkmal
an die frühe Zeit des Kattundrucks bewahrte. Der wesentliche
Ausbau der Fabrik erfolgte in mehreren Bauabschnitten in den
Jahrzehnten nach 1856. In den 1870er-Jahren wurde mit Jean
Keller ein bedeutender Industriearchitekt engagiert, der die
verschiedenen Bauteile zusammenfasste und der Fabrik ein ein-
heitliches Erscheinungsbild gab, das die einzelnen Funktionen
gemäß ihren hierarchischen Wertigkeiten zusammenfasste.
Im Zentrum der Anlage standen die Produktionshallen, nach
außen durch den Fabrikzaun hermetisch abgeschlossen. Der
Zugang erfolgte über das Portiershaus und den Pförtner, der
Arbeitersiedlung der SWA im Proviantbachquartier, um 1900/01
Die bescheidenen Anfänge der Augsburger Kammgarnspinnerei
Die AKS im Jahr 1913
Das AKS-Verwaltungsgebäude im Jahr 1921, im Zweiten Weltkrieg
zerstört, heute an seiner Stelle das Ballenhaus