Seite 50 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
Zeit mit einer Länge von 155, einer Breite von 16 und einer Höhe
von 24 Metern der größte Fabrikbau Bayerns. Im Zweiten Welt-
krieg wurde er zerstört und nicht mehr aufgebaut. Ein ähnliches
Schicksal traf das 1888 am Oblatterwall errichtete Werk II Rose-
nau, das nach dem Krieg nur mehr peripher genutzt und 1972
abgerissen wurde. Von den Werken III Proviantbach und IV
Aumühle blieben die Spinnereihochbauten erhalten.
Ersteres wurde im Stil der Fabrikschlösser erbaut, der sich
gerade in Augsburg um 1900 größter Beliebtheit erfreute. Der
Blankziegelbau wurde im historisierenden schlossartigen Stil
errichtet, drei Ecken sind mit Türmen ausgezeichnet, die jeweils
um eine Fensterachse vorspringen und das Gebäude um ein
Geschoss überragen. Die Fassade bestimmt auf drei Geschossen
die strenge Aneinanderreihung rundbogiger Fenster, von denen
immer drei durch Pilaster zusammengefasst werden. Ein gänz-
lich anderes Bild bietet das Werk IV Aumühle, der so genannte
Glaspalast. 1910 wurde es von dem Stuttgarter Architekten P. J.
Manz als Stahl-betonskelettbau errichtet, ein System, das sich
Küche war streng verboten, dafür existierten eigene (noch erhal-
tene) Waschhäuser, die in drei bis vier Waschräume unterteilt
waren, sodass ein Waschraum auf acht bis zehn Wohnungen
kam. Zu den Wohnungen gehörten eigene Nutzgärten. Für eine
Dreizimmerwohnung mit Küche zahlte man zwischen 104 und
124 Mark pro Jahr. Bei einem durchschnittlichen Jahreslohn
von etwa 700 Mark (von 600 für den Tagelöhner bis 900 für den
Webermeister), wie er in der SWA damals bezahlt wurde, war
das für einen Webermeister mit Familie finanzierbar, für eine
Tagelöhnerfamilie aber nur dann, wenn die Frau hinzuverdiente
und/oder zusätzlich Schlafgänger aufgenommen wurden. In bei-
den Fällen aber war die Miete günstiger als auf dem freien
Wohnungsmarkt. Heute schreckt uns ein Mietanteil von knapp
20 Prozent des Einkommens nicht, doch muss man für die Zeit
um 1900 berücksichtigen, dass 70 Prozent des Einkommens
einer Arbeiterfamilie allein für Nahrung aufgewendet werden
mussten, während es in unseren Zeiten für Nahrung, Kleidung
und Wohnung zusammen nur mehr 57 Prozent sind.
Werk 1 Altbau
Werk 4 Aumühle, der so genannte Glaspalast der Mechanischen Baumwoll-Spinnerei und
Weberei Augsburg
bei Spinnereibauten in England und den
USA erfolgreich bewährt hatte und das
Manz in ähnlicher Form noch mehr-
mals in Deutschland umsetzen sollte.
Vom bisher in Augsburg bevorzugten Stil
der Fabrikschlösser setzte sich das Werk
Aumühle radikal ab. Bestimmend wurde
eine monumentale Sachlichkeit: aneinan-
dergereihte Glasflächen sowie Treppen-
haustürme in unterschiedlicher Höhe,
die die strenge Symmetrie der Fenster-
flächen auflockern. Eigentlich blieb der
Bau unvollendet, denn der fertig gestellte
Teil sollte nach Westen erheblich erwei-
tert werden. Diesem Projekt kam der
Erste Weltkrieg dazwischen, von dem
sich die SWA im Grunde nicht mehr
erholte. 1988 wurden die beiden verblie-
benen Werke stillgelegt, die Shedbauten
abgerissen, die Spinnereihochbauten
aber erhalten und renoviert. Das Werk
Proviantbach wurde als Büro- und Ein-
kaufszentrum, Aumühle als Bürokom-
plex sowie als Ausstellungsraum für Mu-
seen und Galerien moderner Kunst um-
genutzt.
Glanzlicht unter den Hinterlassenschaf-
ten der SWA ist aus historischer Sicht
das Proviantbachquartier, bestehend
aus 20 ab 1895 bis etwa 1911 errichteten
Wohnbauten in Blankziegel, die ältere
Reihe auf das Werk III Proviantbach
zulaufend, die jüngere auf das Werk IV
Aumühle. Diese jüngeren Häuser wur-
den dafür gerühmt, dass sie mit flie-
ßendem Wasser und modernen Spülab-
orten versehen waren, von denen sich bis
zu drei in einem Geschoss befanden, die
sich die Familien teilten. Eigene Bäder
gab es nicht. Das Wäschewaschen in der