Seite 5 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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EDITORIAL
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Thomas geniale „Erste Klasse“ beförderte, wenn der Ökonom
Josef Filser auf das Angebot des preußischen Düngervertreters
Stüwe entgegnet: „Mi hol’n ‘s Fuatta vo da Wies’n, aba net aus der
Apothek’n.“
Aus heutiger Sicht hätte man sich dieses konservative Beharrungs-
vermögen gegen die scheinbaren Segnungen der Moderne wie
ausufernde Gewerbegebiete noch viel mehr gewünscht. Der Reali-
tät entsprach aber mehr der geschäftstüchtige und technikbegeis-
terte Landwirt Lena Christs im Roman „Madam Bäuerin“, der die
neue „Maschin“ bei halber Arbeit und doppeltemNutzen geradezu
herbeisehnt. Die Dampfdreschmaschine, der Lanz oder der Fendt,
sorgten – wie es Josef Bierbichler in seinem Roman „Mittelreich“
beschreibt – für eine zunehmend industrialisierte Landwirtschaft
und für Nachfrage im Maschinenbau – ebenso wie der weltmän-
nische Drang der Bauern nach mondäner Kleidung, jenseits der in
weiten Teilen Bayerns ungebräuchlichen Lederhose, für Nachfra-
ge bei den Textilfabriken. Der „Laptop“, also das Allerneueste, war
in Bayern schon vor seiner Erfindung begehrt.
In den Städten waren solch moderne Fabriken Anlass zu Bürger-
stolz. In Augsburg gab es früh eigene Führer nicht nur zu den
Sehenswürdigkeiten der Renaissancezeit, sondern auch zu den
Fabriken, die mit hochwertiger Architektur ebenso beeindruck-
ten wie mit modernster Technik. Und die Erfindung der Kälte-
maschine durch Carl Linde mit Unterstützung der Maschinenfab-
rik Augsburg ermöglichte erst den weltweiten Erfolg bayerischen
Bieres und damit die weitere Verbreitung bayerischer Tradition.
Fortschritt und Tradition gehörten im Königreich und gehören
im Freistaat zusammen. Dies zeigen wir im vorliegenden Sonder-
band der EDITION BAYERN. Hierfür konnten wir kompetente
Autorinnen und Autoren aus den Universitäten und der Kultur-
szene gewinnen. Besonders dankbar sind wir, dass der Doyen der
Industriekultur, der frühere Nürnberger Kulturreferent Hermann
Glaser, einen wichtigen Aufsatz beisteuerte. Dirk Götschmann,
der beste Kenner der bayerischen Wirtschaftsgeschichte, hat sei-
ne umfänglichen Forschungen in diesem Heft erstmals knapp
zusammengefasst.
Einzelne Beiträge thematisieren – neben dem erwähnten „Indus-
triestandort Augsburg“ – innovative Entwicklungen wie das mit
dem Telefon neu entstehende Kommunikationswesen, das Rainer
Riedel, Kenner der Telefongeschichte, am Beispiel der Stadt
Kulmbach vorstellt. Wie sehr die Erfolgsgeschichte der Industrie
in Bayern mit Forscher- und Unternehmerpersönlichkeiten ver-
knüpft ist, zeigen die biografischen Abrisse der „Industriepioniere“
ebenso wie die von Florian Köhler undMax Edelmann untersuchte
Firmengeschichte des „Physikalisch-Mechanischen Instituts Max
Th. Edelmann“, das mit seinem Gründer einen klassischen Pionier
des Industriezeitalters an der Spitze hatte: in einer Person Wissen-
schaftler, Tüftler, Unternehmer, „Weltmarktführer“ auf seinem
Spezialgebiet – zu einer Zeit als es diesen Begriff noch nicht gab.
Besonderer Dank gebührt Max Edelmann, der das Archiv dieses
höchst innovativen Münchner Unternehmens öffnete, das einst
die Illusionen des Märchenkönigs in Linderhof realisierte, und der
diesen Band wesentlich mit aus der Taufe hob.
Einem besonderen Aspekt der Unternehmerpersönlichkeiten des
19. Jahrhunderts, den Kommerzienräten, widmet sich der Bei-
trag von Marita Krauss, die das unter ihrer Ägide an der Univer-
sität Augsburg entstehende Forschungsprojekt vorstellt, das die-
se „wirtschaftsbürgerliche Elite zwischen Wirtschaft, Staat und
Philantropie“ untersucht.
So in die Thematik eingestimmt, führt das Heft in einem zwei-
ten Teil in die Gegenwart. Aus dem Industriezeitalter haben sich
nicht nur gegenständliche, mentale, landschaftliche Hinterlassen-
schaften erhalten – es ist auch ein nicht geringer Bestand an bau-
licher Substanz stehen geblieben, dessen Erhaltung und Nutzung
eine Frage der Denkmalpflege geworden ist. Egon Johannes Greipl
leuchtet dies in seinem Beitrag aus und Anita Kuisle lädt abschlie-
ßend zu einer Reise durch ganz Bayern ein: „Industriekultur ent-
decken“ ist ein topografischer und thematischer Streifzug, der
aus dem Bestand der rund 2200 Industriedenkmäler in Bayern
Bekanntes und Unbekanntes bietet und die Augen öffnet für die
Vielfalt dieses Kulturguts.
Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die mit ihrem
Wissen ein aspektreiches und weit ausgreifendes Thema gut lesbar
gefasst haben. Ebenso danken wir den hilfreichen institutionellen
wie privaten Bildgebern, die uns in die Lage versetzt haben, auch
bildlich interessantes Material bieten zu können. Das Grafische
Atelier Wolfgang Felber sorgte für eine Gestaltung, die unsere
Leserinnen und Leser auf eine abwechslungsreiche Reise durch
die Industriekultur Bayerns führt.
Mit dieser Ausgabe der EDITION BAYERN beginnen wir eine
Reihe in der Reihe – Studien in Vorbereitung und aus der Arbeit
an unserem Jahrhundertprojekt, dem neuen Museum der Baye-
rischen Geschichte, das 2018 in Regensburg eröffnet werden soll.
Hier wird es auch um bayerische Besonderheiten gehen, um die
Frage, was Bayern ausmacht und bestimmt. Die Industrie gehört
dazu, typisch bayerisch in der Verbindung mit der Tradition. Zu
Bayern gehört aber auch dieWiderständigkeit als Form der Demo-
kratiekultur, der wir uns im nächsten Band zuwenden werden.
Richard Loibl Evamaria Brockhoff Barbara Kink