Seite 48 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
und Oberhausen erstreckte, im Nordend
(östlich und nördlich des Oblatterwalls
mit Klauckevorstadt, Stadtbachquartier
und Pfannenstiel) und imOstend (östlich
von Jakober- und Vogeltor mit Kamm-
garn- und Proviantbachquartier). Beide
Bereiche waren längst gewerblich genutzt,
hier hatten sich schon im 18. Jahrhun-
dert Bleichen und Kattundruckereien,
Tabakmühlen und anderes mehr befun-
den. Vor allem aber gab es hier über die
Lech- und Wertachkanäle Stadtbach,
Schäfflerbach, Senkelbach, Fichtelbach
usw. Wasserenergie. Trotzdem war das
Gelände vermint, nachdem die Stadt
Augsburg bis 1866 die Festungseigen-
schaft nicht loswurde, dementsprechend
das Vorfeld der Stadtbefestigung als
mögliches Schlachtfeld stadtplanerisch
nicht erfasste und der Industrie überließ.
Diese nahm mit Blick auf den Standort-
vorteil, den insbesondere die Wasserkraft
bot, das Risiko in Kauf, die Schussbahn
im Kriegsfall frei machen, sprich die eige-
nen Gebäude abreißen zu müssen.
Seit den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts
wurde vor den Stadtmauern eine Fabrik
nach der anderen errichtet. Die ältesten
Gründungen, die bezüglich räumlicher
Ausdehnung und Größe der Belegschaft
kaum mehr übertroffen wurden, stamm-
ten aus der Zeit zwischen 1836 und 1840.
Der von der Anzahl der Betriebsgrün-
dungen her gesehene Boom erfolgte in
den Jahren 1847 bis 1865. Das Ergebnis
war eine räumliche Ordnung nach Indus-
triezweigen: Das Nordend wurde haupt-
sächlich von der Metall- und das Ostend
von der Textilindustrie dominiert. Letz-
teres (bzw. sein Zentrum) wurde deshalb
schon bald in „Textilviertel“ umbenannt
und diesen Namen führt es trotz des
Strukturwandels bis heute. Die nebenste-
hende Aufzählung nennt die wichtigsten
Unternehmen dieser Viertel mit Grün-
dungsjahr und Anzahl der Beschäftigten
im Jahr 1888, von Südosten nach Norden
fortschreitend.
Das Ergebnis dieser industriellen Grün-
dungswelle sollte man sich freilich nicht
in Form eines modernen Industrie- und
Gewerbegebiets vorstellen, in dem sich
regelhaft Betrieb an Betrieb reiht. Die
Fabrikgründungen des 19. Jahrhunderts
hielten insbesondere in Augsburg Res-
pektabstand, man suchte nicht die Syner-
gie durch Nähe, sondern die Sicherheit
durch Distanz auch für Ausbau und
Augsburg-West, Baumwollindustrie Bemberg, Aufnahme vom 28. 10. 1920
Augsburg-West, Mechanische Weberei Dierig-Werke, Aufnahme vom 28. 10. 1920
Augsburg-West, Spinnerei und Buntweberei Pfersee, Aufnahme vom 28. 10. 1920