Seite 45 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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rern nichts zu lesen steht. Das waren die Arbeiterquartiere im
Nordosten und Osten der Stadt. Im Lechviertel, deutlich unter-
halb der Augsburger Prachtstraße gelegen, hatten sich seit vie-
len hundert Jahren vor allem diejenigen Gewerbe angesiedelt,
die Lärm und unangenehme Gerüche verbreiteten. Nämliches
gilt für die Jakobervorstadt, die im Stadtgrundriss noch immer
deutlich als auskragendes Quadrat wahrnehmbare spätmittelal-
terliche Erweiterung Augsburgs. Hier hatten die weniger finanz-
kräftigen Bevölkerungsschichten Wohnung bezogen, viele We-
ber, Dienstboten und Tagelöhner, die im 18. Jahrhundert Be-
schäftigung in den Kattunmanufakturen fanden. Aus diesen
Vierteln kamen auch die einheimischen und hierher zogen die
auswärtigen Arbeiterinnen und Arbeiter, als 1836 die ersten
Fabriken den Betrieb aufnahmen.
Das Wohnungsangebot reichte jedoch bei Weitem nicht aus. Die
Menschenwichen aus auf dieWertachvorstädte, die in den Jahren
nach 1860 zu den ersten großen Neubaumaßnahmen gehörten.
Noch heute lassen sie sich, trotz schwerer Zerstörungen, auf dem
Stadtplan anhand ihres Musters von dicht aneinandergefügten
rechteckigen Wohnblöcken erkennen. In den hier errichteten,
zunächst ein- bis zweistöckigen Blöcken war die Belegung des
Wohnraums im gesamtstädtischen Vergleich am höchsten. Die
Sterblichkeit war hier vor allem wegen der hohen Kindersterb-
lichkeit viermal so hoch wie in den bürgerlichen Vierteln. Und
die Volksschullehrer betrachteten den Dienst in den Wertach-
vorstädten als Strafversetzung.
Viele Arbeiter zog es aber noch weiter über den Lech und aus
der Stadt hinaus. 1908 wohnten von den 21000 in Augsburg
beschäftigten Fabrikarbeiterinnen und -arbeitern fast 5000 in
Lechhausen, dem lange Zeit größten oberbayerischen Dorf. Seit
dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wuchs es zwar immer
mehr auf Augsburg zu (und umgekehrt), wurde aber trotzdem
1900 zur Stadt erhoben und erst 1913 nach Augsburg einge-
meindet. Mit 18 400 Einwohnern und einer Ausdehnung von
gewaltigen 2794 Hektar brachte Lechhausen nicht nur eine statt-
liche Bevölkerungsanzahl mit in die Ehe, sondern verdoppelte
beinahe die räumliche Ausdehnung Augsburgs. Flächenmäßig
sehr viel weniger, aber bezüglich der Einwohnerzahl deutlich
spürbar schlugen die Eingemeindungen von Pfersee und Ober-
hausen mit fast 11000 bzw. 9600 Einwohnern im Jahr 1911 zu
Buche. Mit diesen Zugewinnen steuerte Augsburg, das erst 1910
die 100 000-Einwohner-Marke durchbrochen hatte, auf die Zahl
von 150 000 Einwohnern zu.
Mit den Ortschaften Lechhausen, Oberhausen und Pfersee über-
nahm Augsburg eigenständige „Industriedörfer“, deren – heute
noch spürbarer – alter ländlicher Kern intakt war, die in den
Außenzonen jedoch planlos gewachsen waren, der Anforderung
nach billigem Wohnraum schnell und mit möglichst gerin-
gem Aufwand nachgebend. Hier hatten sich schon relativ früh
Industriebetriebe niedergelassen, in Lechhausen beispielsweise
die AG für Bleicherei, Färberei, Appretur Augsburg (vormals
Heinrich Prinz ) mit etwa 500 Beschäftigten, in Oberhausen
die Vereinigte Schuhfabriken Berneis-Wessels AG, die in sechs
verschiedenen Standorten 4300 Beschäftigte hatte, und in Pfer-
see die Spinnerei und Weberei Pfersee (vormals Robert Krauß)
mit 1300 Beschäftigten sowie die Laubsägenfabrik Eberle & Cie.,
die beinahe ein Monopol für die Herstellung von Taschenuhr-
federn besaß. Diese „Industriedörfer“ setzten sich räumlich wie
strukturell deutlich von der Stadt Augsburg ab und wären wie
Göggingen mit seiner weltberühmten Zwirnerei- und Nähfaden-
fabrik wohl länger selbstständig geblieben, hätte nicht das explo-
sive Bevölkerungswachstum als Folge der Industrialisierung
sie vor Herausforderungen gestellt, die nur zusammen mit der
leistungsfähigen Augsburger Stadtverwaltung bewältigt werden
konnten.
Diese hatte die entsprechenden Erfahrungen vor allem in der
„Industriezone“ Augsburgs gemacht, die sich zwischen den
erwähnten Arbeitervierteln und den Vorstädten Lechhausen
ch, Aufnahme vom 28. 10. 1920
Augsburg-Nord, Weberei M. S. Landauer, Aufnahme vom 28. 10. 1920