Seite 44 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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Stockschirme und Spazierstöcke, den Handschuh-Preu, der
edelste Handschuhe nach Maß fertigte, die Parfümerie Weiss,
den Juwelier Carl Rieth, dessen Geschäft auch als Niederlage der
Württembergischen Metallwarenfabrik Geislingen diente, die
Luitpold-Drogerie, die nicht nur „Drogen und Kolonialwaren“,
sondern auch Fotoapparate und Laboratoriumsbedarf verkaufte,
die Rosenthal’sche Porzellanniederlage, Reiseartikel Zollitschs
Nachfolger, das Sportschuhhaus Augsburg für Bergsteiger-,
Touren- und Jagdstiefel, Haferlschuhe und Fußballstiefel, das
Kaufhaus S. Guttmann für Damenkonfektion, Kleiderstoffe und
Gardinen, das Kaufhaus Brüder Landauer mit eigener Weberei,
das Spezialhaus für Ausstattungen, Innendekoration und Hotel-
einrichtungen Kröll & Nill, das in den Fuggerhäusern zwischen
Philippine-Welser- und Annastraße untergebracht war. Sein
mit Glas überdachter Innenhof brachte mit seinem Passagen-
charakter einen Hauch von Weltstadt, von Paris und Mailand,
nach Augsburg und ließ die Schwaben staunen über die gefäl-
lig in Szene gesetzte Konsumwelt des Industriezeitalters. In den
modernen Kaufhäusern konnte man flanieren, man durfte die
Waren bewundern, ohne einem Kaufzwang zu unterliegen wie
in den alten Fachgeschäften – und doch verließ man die Waren-
hallen nicht selten mit einem Einkauf, den man vorher nicht im
Sinn gehabt hatte. Das Industriezeitalter wurde eben nicht nur
von Ingenieuren, sondern auch von geschickten Verkäufern und
vor allem von den Konsumenten geboren.
Nach Westen zu hatte sich die alte Stadt im wahrsten Sinn des
Wortes Platz gesprengt, zuerst durch den Abriss des Göggin-
ger Tors 1860, an dessen Stelle sich der neue Verkehrsknoten-
punkt Königsplatz entwickelte, dann, 1903 bis 1906, mithilfe
des Durchbruchs der neuen Bürgermeister-Fischer-Straße, der
17 Haupt- und weitere Nebengebäude weichen mussten. Sie ver-
band das Stadtzentrum mit dem neuen Hauptbahnhof auf dem
Rosenauberg, der 1846 in Betrieb genommen worden war. Der
erste Hauptbahnhof war 1839/40 vor dem Roten Tor in Nach-
barschaft zur früheren Schüle’schen Kattunmanufaktur errich-
tet worden. Nachdem man beschlossen hatte, die Strecke Mün-
chen–Augsburg mit der Transversale Lindau–Hof zu verbin-
den, wurde die Verlegung des Hauptbahnhofs unumgänglich.
Seit 1846 wurde er mehrmals erweitert. 1869 bis 1871 von dem
Münchner Architekten Friedrich Bürklein im Stil des Spätklassi-
zismus umgebaut, gehört der Augsburger Hauptbahnhof heute
zu den letzten original erhaltenen spätklassizistischen Bahn-
höfen in Deutschland. Die lang gestreckte Anlage besteht aus
einem dreigeschossigen Mittelbau, dem sich niedrigere Seiten-
trakte anschließen, die in zweigeschossigen Eckpavillons enden.
Von besonderer Bedeutung ist neben dem Bahnhofsgebäude das
1902 bis 1906 errichtete Eisenbahnausbesserungswerk, das heute
der „Bahnpark Augsburg“ museal nutzt.
Was der Hauptbahnhof für den auswärtigen Verkehr war, wurde
der Königsplatz für den innerstädtischen mit der Inbetriebnah-
me der Pferdebahnlinie Perlachturm–Königsplatz–Hauptbahn-
hof 1881 und vor allem nach der Umstellung auf die elektrische
Straßenbahn 1898. Zwischen diesen beiden Verkehrsknoten-
punkten entwickelte sich eine moderne Geschäfts-, Hotel- und
Wohnstraße, die freilich in ihrem heutigen Erscheinungsbild
den Glanz des Industriezeitalters kaum mehr erkennen lässt.
Überhaupt wurde das Westend mit Bismarck- undThelottviertel
Augsburgs vornehme und teure Wohnadresse, zusätzlich aufge-
wertet durch die Schrannenhalle sowie die städtische Turnhalle
in der Halderstraße und insbesondere durch den Stadtgarten
mit Festhalle und Festplatz (heute Kongresshalle). Hier bot die
Schwäbische Kreisausstellung 1886 eine beeindruckende Leis-
tungsschau der Wirtschaft dieser Region, die überregional viel
Beachtung fand. Eine zusätzliche städtebauliche Aufwertung
erhielt dieses Gebiet durch die neue Garnison am Stadtgarten
mit zahlreichen Gebäuden und weitläufigem Gelände.
Neben diesen modernen Vorzeigequartieren der Industriestadt
Augsburg gab es jedoch auch Viertel, über die in den Stadtfüh-
Augsburg-Nord, Baumwollspinnerei am Senkelba
Augsburg, Obere Maximilianstraße, Luftaufnahme vom 26. 2. 1920