Seite 43 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
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u Beginn des 20. Jahrhunderts, als Augsburg wirtschaft-
lich prosperierte, muss es ein faszinierendes Bild geboten
haben: eine traditionsreiche europäische Handelsmetro-
pole im Gewand der modernen Industriestadt. Den Zeit-
genossen war die von dieser bemerkenswerten Kombination
ausgehende Wirkung durchaus bewusst. In kaum einem Führer
der Zeit um 1900 fehlt neben dem Hohen Lied auf die alte Zeit,
auf Fuggerei und Elias-Holl-Bauten der nicht mit weniger Stolz
formulierte Hinweis auf die modernen Fabrikbauten. „Führun-
gen durch industrielle Betriebe vermittelt das Verkehrsbüro“,
heißt es im amtlichen Führer der Stadt Augsburg. 1925 gab der
Verkehrsverein Augsburg sogar einen eigenen „Führer durch
Augsburgs Industrie und Handel“ heraus; im Vorwort beschwor
Christian Diesel, Vorsitzender der Augsburger Handelskammer
und Vetter des berühmten Motorenerfinders, den allerersten
Rang des Wirtschaftsimperiums Augsburg – gestern wie heute –,
eine Begeisterung, die in unseren Zeiten nach 30 Jahren Fabrik-
sterben nicht alle Augsburger teilen würden.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebte der Besu-
cher die Stadt Augsburg, vorausgesetzt er nahm sich die Zeit
von der Karolinen- und Maximilianstraße als Hauptachse abzu-
schweifen, mindestens dreigeteilt. Die Geschäftsstraßen zeigten
sich im unzerstörten Dekor von Renaissance bis zum Rokoko im
Schatten der großen Dominanten Dom, Rathaus und St. Ulrich
und Afra. Aber auch hier kratzte das Industriezeitalter an der
altdeutschen Oberfläche. Anstelle des mittelalterlichen Imhof-
Patrizierhauses hatte der Industrielle Ludwig A. Riedinger von
1863 bis 1865 einWohn- und Geschäftshaus imNeurenaissance-
stil durch den bekannten Münchner Architekten Gottfried Neu-
reuther errichten lassen, dessen Erdgeschoss erstmals moderne
große Schaufenster aufwies. Das Geld hierfür hatte er auch an
der gegenüber dem alten und neben dem neuen Rathaus gele-
genen Augsburger Börse verdient, die in erster Linie demHandel
mit Aktien der Textilfabriken diente und auch das Kommunika-
tionsforum der schwäbischen Wirtschaft bildete. Beide Gebäude
haben den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden.
Im Stadtzentrum hatte sich ein Geschäftsviertel entwickelt, das
wohl um einiges glanzvoller ausfiel als dies heute erscheint: Zu
bestaunen gab es das Palasthotel Drei Mohren, von Ludwig A.
Riedinger zum ersten Haus am Platz ausgebaut, den Beitelrock
neben dem Polizeigebäude, ein Spezialgeschäft für Schirme,
Links: Plan der Stadt Augsburg, aus: Augsburg in kunstgeschichtlicher,
baulicher und hygienischer Beziehung. Festschrift zur 15. Wander-
Versammlung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-
vereine, bearb. von Fritz Steinhäußer, Augsburg 1902
Im Kriegsarchiv München hat sich ein Bestand von Luftaufnahmen, entstanden 1920/21 erhalten, der die Industrielandschaft der Stadt
Augsburg dokumentiert.
Richard Loibl
Die Industriestadt Augsburg um 1900