Seite 40 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
VI Familie und Erziehung
Der Wert der Familie in ihrer emotio-
nalen Bindekraft, wie er in dem in allen
bürgerlichen Haushalten präsenten
„Lied vonder Glocke“ von Friedrich Schil-
ler zum Ausdruck kommt, galt als das
Hilfsmittel vor den Stürmen der Indus-
trialisierung. Die Familie war der Hort, in
dem man vor Gefährdung Schutz fand.
Mittelpunkt in der bürgerlichen Fami-
lie, im Haus, in der Wohnung war die
Mutter – festgelegt auf Kinder, Küche,
Kirche. Ihre Partizipation an der einsei-
tig vom Vater – patriarchalisch-autori-
tär – vertretenen „Welt draußen“ muss-
te sie sich erst erkämpfen. In der begin-
nenden feministischen Bewegung er-
zielten die als „Blaustrümpfe“ denun-
zierten Vertreterinnen erste Erfolge, in
der sozialistischen Bewegung übernahm
eine Reihe von Arbeiterfrauen führen-
de Funktionen. Mit der Ausweitung des
Bildungsangebots, mit den zunehmen-
den Berufsmöglichkeiten verbesserte
sich die Lage für beide Geschlechter,
wenngleich der gesellschaftliche und
der berufliche Aufstieg noch lange alles
andere als eine Selbstverständlichkeit
bleiben sollten.
Auf unzähligen Verlobungs-, Hochzeits- und Familienfotogra-
fien erscheint die Frau in „anlehnender“ Haltung und muss
vom Mann gleichsam gestützt werden. Heutige Hochzeits-
fotos sprechen eine andere Sprache, hier wird die Anleh-
nungsbedürftigkeit der Braut allenfalls als spielerisches Ele-
ment eingesetzt – die Paare aber sind auf Augenhöhe.
Die vor 1900 entstandene Aufnahme zeigt eine Großfamilie, wie sie
bis heute oft für ein gelungenes Zusammenleben der Generationen
steht: die Großmutter mit dem Urenkel auf dem Schoß, umrahmt von
den Enkelkindern, zwei verheirateten Kindern und einer wohl allein-
stehenden Tochter.
Die Schwestern Hedl, Bertl, Martl, Gretl aus Lauf an der Pegnitz –
geboren 1892, 1893, 1894, 1895 (v.r.n.l.)