Seite 39 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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In machtgeschützter Feierlichkeit versammelte sich die bürger-
liche Festgemeinschaft. Die Beschwörung des Wahren, Schönen
und Guten setzte nationales Pathos gegen die Gefährdung durch
eine unbekannte neue Zeit. Denkmäler sollten Halt geben und
rückwärtsgerichtete Orientierung vermitteln.
Stadtgesellschaft und Politik entwickelten sich antagonistisch.
Die bürgerlichen Schichten versuchten ihren Einfluss zu halten
und zu festigen. Demgegenüber gewann die Arbeiterbewegung
langsam an Boden, wenngleich behindert durch viele Rück-
schläge, auch durch Uneinigkeit. Das Stadtregiment blieb lange
Zeit stabil. Erst nach 1918 konnten essenzielle Forderungen der
neuen Zeit durchgesetzt werden.
Eine Momentaufnahme sei diesem Tableau hinzugefügt – sie
ist jedoch mehr als eine solche: nämlich eine industriekultu-
relle Bilanz aus der Sicht eines Oberbürgermeisters. Es handelt
sich um den Rechenschaftsbericht des Nürnbergers Georg von
Schuh anlässlich der Jahrhundertfeier der Einverleibung Nürn-
bergs in das Königreich Bayern 1906. Aufgezeigt werden die
„völlige Umwälzung auf allen öffentlichen Gebieten“ und die
Entwicklung der Noris „innerlich und äußerlich zu einer gro-
ßen neuzeitlichen Stadt“, typisch deutsch und typisch baye-
risch zugleich: „Unter Beseitigung alter, gesundheitsschädlicher
Abwässerungskanäle wurden mächtige Gürtelsiele hergestellt,
die Straßen mit neuem, zum Teil geräuschlosem Pflaster verse-
hen, zum Ersatz der vielen kleinen, meist bedenklichen Wasser-
leitungen zwei neue große Wasserleitungen ausgeführt – eine
dritte, welche die Stadt auf lange Zeit hinaus mit dem besten
Wasser reichlich versehen wird, ist in der Ausführung begriffen;
öffentliche Bäder, ein weit und breit als musterhaft anerkanntes
neues Krankenhaus, ein neues Waisenhaus, neue Elektrizitäts-
und Gaswerke, ein ausgedehnter neuer Vieh- und Schlachthof,
zwei Rathaus-Ergänzungsbauten, neue Schulhäuser, ein neues,
V Festlichkeiten
Vor allem nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871 spielte
die offizielle Festkultur eine große Rolle als Stifterin von Identität.
Geprägt war diese bürgerliche Festkultur, wie sie in der „Fest-
wiese“ in Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“
ihr Vorbild hatte, von der Sehnsucht nach Gemeinschaft. Den
Dissonanzen der Industriegesellschaft, dem Verlust von so viel
Gewohntem, Bewährtem, Festgefügtem, das die neue Zeit hin-
weggefegt hatte, sollten Geborgenheit und Gemeinschaftsgefühl
entgegengesetzt werden, wie es historische Umzüge oder auch
das 1810 erstmals abgehaltene Oktoberfest zu vermitteln schie-
nen. Die Arbeiterklasse, die sich in diesen bürgerlichen Festen
nicht eigentlich repräsentiert sah, schuf sich eigene Feste, mit
dem 1. Mai als Höhepunkt.
Der Hans-Sachs-Umzug in Nürnberg 1894
Das Programm der im Jahr 1891 zum zweiten Mal
stattfindenden Maifeiern in Nürnberg