Seite 36 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
ständen – mit Kampfgesängen als Fest brüderlicher Solidarität.
Neue Schichten, auch Frauen, drängten in Arbeitsbereiche, die
in dieser Umbruchsituation entstanden. Ein strenges Zeitmaß
bestimmte fortan das Arbeitsleben; der „Takt der Maschine“
führte zu einem vielfach von „Zeit-Not“ und „Nervosität“ ge-
prägten Lebensrhythmus, wie er heute in Begriffen wie „Zeit-
management“ und „Stress“ greifbar geblieben ist.
Eine der Voraussetzungen der Industriegesellschaft war die Ent-
wicklung neuer Transportmöglichkeiten über Straßen und
Schienen. Eisenbahn, Auto, Straßenbahn, auch das Fahrrad,
ließen die Entfernungen schrumpfen, bewirkten eine „mobile
Gesellschaft“, zumBeispiel was denWeg zumArbeitsplatz betraf.
Sie weckten aber auch ein Gefühl von Freiheit. Neue Bedürfnisse
und Konsumgewohnheiten, etwa hinsichtlich der Gestaltung
von Freizeit, entstanden. Trotz der meist karg bemessenen frei-
en Zeit blühte das Vereinsleben nach Feierabend; am Wochen-
ende drängte man hinaus ins Grüne, besuchte Ausflugsziele in
der Nähe der Stadt. Der Fußball wurde zum beliebten Volks-
sport. Das Wirtshaus um die Ecke war Kommunikations- und
Erholungsort zugleich; der Gesang aus deutscher Kehle stiftete
Gemeinschaftsgefühl.
Krankwerden bedeutete Not – Gesundbleiben war daher
„Pflicht“. Nicht selten stand derjenige ohne Lohn da, den seine
Konstitution im Stich ließ. Die Schwindsucht, eine der heimtü-
ckischsten Krankheiten des Zeitalters, raffte gerade geschwächte
Menschen dahin. Die bescheidene Armenpflege konnte die stete
Gefährdung nur in geringem Maß auffangen. Die wirtschaft-
liche Absicherung war minimal. Das „soziale Netz“ hatte weite
Maschen und viele Löcher.
In den Anstalten der Bildung schlug sich der Wandel zur Indus-
triegesellschaft in einer stärkeren Zuwendung zu den Realien,
im Besonderen den Naturwissenschaften, nieder. Die Erziehung
der Töchter spielte sich freilich vorwiegend noch im Hinblick
auf ihre Aufgabe als zukünftige Hausfrau ab. Das Sexualleben
blieb tabuisiert. Das Einüben in die Erwachsenenwelt begann
früh: Spielzeuge ahmten die Welt der Erwachsenen nach.
Auch die Rolle des Künstlers veränderte sich. Im bürgerlichen
Weltbild wurde er zum anerkannten und geschätzten Idol ver-
klärt. In der Malerei der Zeit, insbesondere im Historismus,
zeigte sich allzu oft die eklektizistische Reproduktion von
längst Bekanntem und Vergangenem; die neue, fremde Welt der
Maschinen wurde dekorativ idyllisiert und monumentalisiert.
IV Vergnügen und Freizeit
Mit der Entstehung der modernen Freizeit etablierten sich neue
Vorlieben. In den begüterten Schichten fuhr man nun regelmä-
ßig in die Sommerfrische, sei es an die Nord- und Ostsee, sei es
in die Alpen, die mit dem aufkommenden Skisport nun auch im
Winter an Attraktität gewannen. In der sich ausdifferenzierenden
Gesellschaft entstand ein entsprechendes Freizeitverhalten: Blieb
das Wirtshaus, im Sommer auch die Gartenwirtschaft oder der
Biergarten, für alle ein besonderer Hort der Gemütlichkeit, wo
sich am Stammtisch die Klassenunterschiede aufhoben, so war
für die vornehmeren Schichten das feine Speiserestaurant ein Ort,
an dem man unter sich blieb und sich bei Bällen, Gesellschaften,
Soireen traf. Auch beim Sport wurde die soziale Sonderung sicht-
bar: Schlittschuhlaufen, Tennis, in den Anfängen auch das Rad-
fahren waren nichts für die Masse der Bevölkerung – der Fußball
hingegen entwickelte sich, wie später auch das Radfahren, zum
Massensport, was sich insbesondere nach der Jahrhundertwende
in der Gründung von als „wild“ geltenden Arbeiterfußballvereinen
wie etwa „Schalke 04“ niederschlug.
Die Aufnahme von 1904 zeigt einen „klassischen“ Stammtisch im
Honoratiorenstübchen.
Die Jeunesse dorée gruppiert sich zu einer Tanzstunde.
Die um 1899 in Prag entstandene Atelieraufnahme inszeniert die
zum sonntäglichen Spaziergang gerüsteten jungen Paare.