Seite 34 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
dukte auf den Weltmarkt gingen, sowie Mühlen, deren Farben
und Mehl in ganz Südosteuropa vertrieben wurden.
Was die Bereiche und Gebiete betrifft, die durch die Industria-
lisierung eine Veränderung und Neugestaltung bzw. ihre Aus-
prägung überhaupt erst erhalten haben, kann man resümierend
feststellen: Das Bild der Stadt wandelte sich durch den Entwick-
lungsschub, den die Industrialisierung der Arbeit bewirkte. Die
in Jahrhunderten kontinuierlich gewachsene Stadt sprengte die
Mauern. Benachbarte Dörfer und ländliche Gebiete wurden als
Bauland erfasst und eingemeindet. Für die Fabriken und die
neuen Versorgungsanlagen, wie etwa Gaswerke, war innerhalb
des Burgfriedens kein Platz mehr; sie entwickelten sich an der
Peripherie. Die Landflucht bzw. der Zuzug in die Stadt führten
freilich in bestimmten Vierteln zu schlimmen Wohnverhältnis-
sen, Ausdruck der Verelendung der Bewohner. Die „besseren
Stände“ lebten in eigenen Stadtgegenden.
Mechanisierung und Arbeitsteiligkeit der Maschinenwelt erfor-
derten große Fabrikanlagen; industriell organisierte Arbeit wur-
de in Maschinenhallen geleistet. Die erfinderische Geschicklich-
keit bescheidener Mechaniker legte den Grundstein für Welt-
unternehmen. Die „Industrieherren“ wiederum zeigten ihren
Wohlstand, indem sie adeligen Lebensstil übernahmen. Gewer-
befleiß und Erfindertum wurden auf Landesausstellungen von
einem heute kaum mehr vorstellbaren Prunk und Ausmaß dar-
gestellt und prämiert.
Lange Arbeitszeiten, ärmliche Lebensverhältnisse und Woh-
nungsnot prägten das Arbeiterleben. Die Hoffnung auf gesell-
schaftlichen, beruflichen und wirtschaftlichen Aufstieg bzw.
ganz allgemein auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse
bestimmte die Perspektiven vieler Lebensgeschichten. Man
organisierte sich in Arbeiterbildungsvereinen, Gewerkschaften,
Parteien; den 1. Mai feierte man – häufig unter schwierigen Um-
Kaum etwas symbolisiert das „eiserne Zeitalter“ mehr als die rau-
chende, tosende Dampflok, welche erst die Grundvoraussetzung
der Industrialisierung schuf: Mobilität, Transportkapazität, Tempo.
In kurzer Zeit war Bayern durch Hauptstrecken erschlossen, inge-
niöse Fachleute wussten mit den manchmal als fast unüberwind-
lich geltenden geologischen Gegebenheiten fertigzuwerden,
Arbeitermassen schufen, meist unter erbärmlichen Bedingungen,
das Schienennetz, das sich bald auf Nebenlinien ausdehnte, die
mit den Lokal- oder Vicinalbahnen auch entlegenere Gebiete an
das neue Zeitalter anschlossen. Die Bahnhöfe wurden gleichsam
die neuen Paläste im Zentrum der Stadt.
Fortschritt, Tempo, Massenkonsum, Demokratisierung, Emanzi-
pation sind Schlagworte des Zeitalters der Industrialisierung, das
sich auch durch große mentale Veränderungen auszeichnete:
die moderne „Nervosität“, ein völlig neues Konsumverhalten, die
strikte Aufteilung des Lebens in Arbeit und Freizeit gehörten zu
diesen neuen Phänomenen.
III Beschleunigung des Lebens
„Großer Bahnhof“ für König Ludwig I. bei der Eröffnung der ersten
Eisenbahnstrecke in Deutschland
Der Lokomotiven- und Waggon-
bau entwickelte sich zu einem
bedeutenden Geschäft, hier die
Werksanlage der MAN Nürnberg,
die im Vorort Wöhrd bis etwa 1900
produzierte.