Seite 33 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
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lichen Haus. Im Umkreis dürre Sandebenen, schmutzige Fabrik-
wässer, der trübe, träge Fluß, der geradlinige Kanal, schüttere
Wälder, triste Dörfer, häßliche Steinbrüche, Staub, Lehm, Gins-
ter. Eine Wegstunde nach Osten: Nürnberg, Denkmal großer
Geschichte. Mit uralten Häusern, Höfen, Gassen, Domen, Brü-
cken, Brunnen und Mauern, für mich dennoch nie Kulisse oder
Gepränge, oder leerer, romantischer Schauplatz, sondern durch
vielfache Beziehung in das persönliche Schicksal verflochten, in
der Kindheit schon und später gewichtiger noch.“
Nicht nur in Bayern, aber vor allem in diesem agrarisch gepräg-
ten und daher „statisch angelegten“ Land wurde die Industria-
lisierung durch die Eisenbahn wach geküsst. Denn eines ihrer
unabdingbaren Merkmale (Grundlage, Voraussetzung und
Auswirkung) hieß „Mobilität“ – als „vertikale Mobilität“, was
die beruflich-sozialen Verhältnisse betraf, und als „horizontale“,
wobei beide in Korrelation standen. Zunächst machte die Eisen-
bahn ihren Siegeszug als relativ schnelles, bequemes und billi-
ges Massentransportmittel. Bald war das Königreich Bayern
mit einem Schienennetz für den Fernverkehr überzogen; später
wurden abgelegenere Gebiete mit Stichbahnen (Sekundär- bzw.
Lokalbahnen) an den überregionalen Verkehr angeschlossen
und damit strukturschwache Gebiete erschlossen. Der Zug hielt
nun – etwa um landwirtschaftliche Erzeugnisse zu befördern –
„in Haching, Glaching, Moching, Daglfing, Kraglfing, Gscheert-
hausen, Woadling und Haar“, wie Ludwig Thoma in seiner
satirischen Liebeserklärung an die Bimmelbahn aufzählt. Die
kürzeste Linie im bayerischen Königreich war die Vicinalbahn
im Labertal. An der Strecke des „Allinger Bockerls“ von Alling
nach Regensburg, wo man seit 1859 Anschluss nach Landshut
oder Nürnberg hatte, lagen bekannte Firmen, so die Papier-
fabrik Pustet, die damals größte Papierfabrik Bayerns, ebenso
die Tabakfabrik Bernard, ferner viele Glasschleifen, deren Pro-
Die großen Fabrikanlagen wirkten wie kleine Städte für sich. Der
Holzstich von Theodor Volz aus der Zeitschrift „Über Land und Meer“
zeigt die Arbeitsschritte in der Faber‘schen Fabrik für Bleistift- und
Farbminen. (Detail aus Abb. Seite 21)
Die Emanzipation der Frau war ein viel diskutiertes und in unzähligen
Spottversen und Karikaturen in die Öffentlichkeit getragenes Thema,
das auch vor den bayerischen Bergen nicht Halt machte, wie die Kari-
katur aus den „Fliegenden Blättern“ vom 15. Januar 1897 zeigt.