Seite 32 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
In der Stadtentwicklung, die einen besonders wichtigen indus-
triellen Schub erbrachte, spielte in Bayern neben Augsburg der
metropolitane Großraum Nürnberg mit Fürth eine bedeutende
Rolle. Die beiden Städte verband seit 1835 die erste deutsche
Eisenbahn. Das Verhältnis zwischen Nürnberg und Fürth war
allerdings durch mancherlei Idiosynkrasien, wie sie das Münch-
ner urbane Selbstbewusstein nie aushalten musste, belastet. Das
historisch ehrwürdige Nürnberg blickte gern auf das (scheinbar)
modern-traditionslose Fürth herab.
Das alte Nürnberg, so schrieb der dänische Dichter Hans Chris-
tian Andersen, als er 1840 zu Besuch kam, „war die erste Stadt,
die in den gigantischen Gedanken der jungen Zeit mit ein-
stimmte, Städte durch Dampf und eiserne Bänder aneinander
zu ziehen“. Der „Spannungsbogen“, der dergestalt die beiden
Städte zusammenband, bestand nur aus einem kurzen Gleis,
zwei Weichen und sieben Drehscheiben. Dennoch begann hier
der große „Vernetzungstraum“ Wirklichkeit zu werden: Aus den
sechs Kilometern der Eisenbahnstrecke Nürnberg–Fürth waren
1845 bereits 2200 und 1917 schon 65000 Kilometer geworden.
Die Vertikale des besinnlich-frugalen Biedermeier schlug in die
Horizontale der expansiv-ungestümen Industriegesellschaft um.
Nürnberg, die Stadt, die kurz zuvor ihre kulturell-romantische
Wiedergeburt als die Stadt Albrecht Dürers, Hans Sachsens,
Adam Krafts, Willibald Pirckheimers und vieler anderer „hoch-
gelobter Ehrenmänner“ erlebt hatte, begann aus ihrem wirt-
schaftlichen Dornröschenschlaf aufzuwachen und zum Vorort
des Maschinenzeitalters zu werden. Seit der Mitte des 19. Jahr-
hunderts entwickelte sich hier eine leistungsfähige Industrie.
Eine wichtige Rolle spielten die Bleistift- und Spielzeugfabrika-
tion sowie vor allem die Metallverarbeitung – mit Großbetrie-
ben wie der Maschinenfabrik Cramer-Klett (heute MAN) und
der Elektrogerätefabrik Sigmund Schuckert.
Freilich sorgte das intakte mittelalterliche Stadtbild, machtvoll
umrahmt von dem im 13. und 14. Jahrhundert entstandenen,
1452 endgültig fertig gestellten Mauerring und gekrönt von der
Burg, deren Ausbau als Kaiserpfalz auf die Stauferkaiser zurück-
ging, dafür, dass Nürnberg mehr als lebendiges Museum denn
als problembeladene Großstadt empfunden wurde. So auch von
einem berühmt gewordenen Fürther Kind: In seinen autobio-
grafischen Aufzeichnungen „Mein Weg als Deutscher und Jude“
beschreibt Jakob Wassermann den Gegensatz von Fürth und
Nürnberg: „Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die garten-
lose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen-
und Hämmergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen
Betriebs- und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und
kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im väter-
Preisausschreiben sollten die Kundenbindung fördern. Justus von Liebigs
Epoche machende Erfindung eines nahrhaften Fleischextrakts trat ihren
Siegeszug um die Welt an. Die amerikanische „Liebig’s Extract of Meat
Company Ltd.“, an die der Chemiker seine Erfindung verkauft hatte, wirbt
hier mit einem hoch dotierten Preisausschreiben, das vor allem auf die
Hausmannskost des „bürgerlichen Mittelstandes“ abzielt, freilich auch
die „feine Tafel“ und den „bescheidenen Tisch des Arbeiters“ nicht ganz
außer Acht lässt – heute würde man das als Zielgruppenwerbung be-
zeichnen. (Aus: Fliegende Blätter vom 10. 9. 1897)