Seite 30 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
Die handwerkliche Tradition des Fabrikwesens ist freilich dicho-
tomisch zu sehen: Der andere Zweig der industriellen Ausprä-
gung hatte zum Urheber eine sich „vernetzende“ Wirtschafts-
und Beamtenaristokratie, mit dem Idealbild des Kommerzien-
rats; zwischen 1880 und 1928 wurden 2000 Personen als solche
ernannt, unter ihnen als eine der herausragendsten Persönlich-
keiten Wilhelm von Finck (1848–1924), der neben vielen ande-
ren wirtschaftlichen Aktivitäten die „Münchner Rückversiche-
rung“ und die „Allianz“ gründete. Jedenfalls erreichten die in
der Industrialisierung energisch tätigen „rechten Männer“, sei
es „von unten“ oder „von oben“ stammend, dass die zunächst
„geminderte Industrialisierung“ über eine „punktuelle Indus-
trialisierung“ zu einem industriellen Standard führte, der dem
Vergleich mit anderen deutschen Regionen standhielt.
Von besonderer Bedeutung für die industriellen Erfolge waren
unter anderem maßgebend – so jüngst Ferdinand Kramer – die
Reform der forschungsorientierten Universitäten, die Reform
der Staatsverwaltung, die Neuorganisation der Banken, Börsen
und Versicherungen, die Vereinheitlichung von Wirtschafts-
räumen im Zollverein, die verbandliche Organisation der Ge-
werbe.
Im Bergbau- und Hüttenwesen war in Preußen die Zahl der
Beschäftigten 1875 sieben Mal höher als in Bayern und in der
Steinkohleförderung übertraf Sachsen Bayern um das Sechs-
fache; doch übertrumpfte Bayern schon in den 1850er-Jahren bei
der Eisenerzgewinnung Sachsen um ein Vielfaches, was der Ent-
wicklung der Maxhütte in der Oberpfalz zu danken war. Auch
im Maschinenbau, angetrieben von der Textilindustrie und
dem Eisenbahnbau, lag Bayern mit doppelt so vielen Betrieben
vor Sachsen, allerdings waren dies nur ein Viertel so viele wie
in Preußen. Für das Jahr 1875, also vier Jahre, nachdem Bayern
dem Deutschen Reich beigetreten war, ergibt sich insgesamt
für die industrielle Entwicklung des Landes ein differenzier-
tes Bild: „In wichtigen Indikatoren der Industrialisierung wie
dem Bergbau und dem Maschinenbau lag Bayern hinter dem
Entwicklungsstand anderer Staaten im Deutschen Reich. In der
Chemischen Industrie, deren gesamtwirtschaftliche Bedeutung
vergleichsweise noch schwächer war, hatte Bayern eine führen-
de Position. Im Durchschnitt waren hier die Betriebsstrukturen
kleiner als in Sachsen und in Preußen, vereinzelt auch in Würt-
temberg, Baden und Hessen. Zwar war Bayern als Ganzes auf-
grund der höheren Einwohnerzahl und Fläche des Landes wirt-
schaftlich leistungsfähiger als die anderen süddeutschen Staaten,
umgerechnet pro Einwohner lag es aber in wichtigen industrie-
wirtschaftlichen Indikatoren doch hinter der Entwicklung in
anderen Staaten des Reichs zurück.“
Die Industrialisierung in der Handarbeit: Man arbeitete nicht mehr mit den Dreschflegeln, sondern mit der Dreschmaschine.