Seite 29 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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sern; er verstand es, seine „Sach’“ zusammenzuhalten. Dement-
sprechend ist die anfängliche Form der handwerklichen Fabrik-
unternehmung der Familienbetrieb, in dem höchstens Bekannte
oder Verwandte als stille Teilhaber das Betriebsvermögen ver-
stärkten. Diese erste Unternehmergeneration bestimmte eiserne
Sparsamkeit; denn um konkurrenzfähig zu bleiben, waren die
Anschaffung teurer Maschinen neuester Konstruktion und die
Unterhaltung immer größerer Vorräte an Rohstoffen, Brenn-
stoffen, Halbfabrikaten und Ersatzteilen notwendig. Mit großer
Zähigkeit aber konnte man sich „hinaufarbeiten“.
Johann Sigmund Schuckert (1846–1895), Sohn eines Nürnber-
ger Büttnermeisters, zum Beispiel schrieb beim Vorrücken in
die Oberklasse der Lorenzer Volksschule für Knaben in Schön-
schrift in sein Heft: „Ich will mit allem Fleiße dafür sorgen, daß
meine Schrift in jedem Monat besser wird. Fleiß und Ausdauer
führen stets zum sicheren Ziel.“ Das von den Eltern übernom-
mene handwerkliche Tugendsystem verband sich bei Schuckert
mit einem starken Innovationstrieb. Das „Physikalische Kabi-
nett“ seines Lehrers Bauer, in dem sich eine Elektrisiermaschi-
ne, große und kleine Leydener Flaschen, eine Luftpumpe mit
Magdeburger Halbkugel fanden, weckte bei dem Knaben früh
das Interesse an Elektrotechnik. Auf der Sonntagsschule konnte
Schuckert sich im Maschinenzeichnen, in Arithmetik, Geome-
trie, Physik, Chemie weiterbilden. Auf Wanderschaft arbeitete
er in Hamburg in einer optisch-astronomischen Werkstätte,
dann bei der auf dem Gebiet der Telegrafie führenden Firma Sie-
mens & Halske. Schuckert begann Englisch zu lernen; 1869
schloss er sich dem Auswandererstrom aus Deutschland an und
ging in die USA. Dort arbeitete er unter anderem in der Telegra-
fenbauanstalt von Thomas Edison. Als 1873 in Wien eine Welt-
ausstellung stattfand, zog es ihn nach Europa zurück. Ange-
sichts des schlechten Gesundheitszustands seiner Eltern blieb er
in Nürnberg und ließ sich als selbstständiger Mechaniker nie-
der; 1873 eröffnete er seine Werkstätte in einem bescheidenen
zweifenstrigen Raum in der Schwabenmühle. Nähmaschinen-
reparaturen und der Bau optischer Geräte waren die anfäng-
lichen Geschäftsgebiete. Mit neuen Erfindungen und Demons-
trationen auf dem Gebiet der Kraftübertragung wie der elektri-
schen Beleuchtung setzte sich seine Firma immer mehr durch.
1875 gelang es Schuckert, das Kriegerdenkmal in Nürnberg bei
dessen Enthüllung elektrisch zu beleuchten; 1878 illuminierte
er das königliche Schloss Linderhof; 1882 installierte Schuckert
die erste elektrische Straßenbeleuchtung in Nürnberg. Für sei-
ne „elektrodynamische Maschine“ erhielt er 1876 den mit einer
Subvention von 50 000 Mark verbundenen König-Ludwig-Preis;
1885 wurde ihm der Titel eines Kommerzienrats verliehen.
II Läden, Werkstätten, Fabriken
Land- und Stadtleben klafften mit der beginnenden Industriali-
sierung weit auseinander, wenngleich diese auch auf dem Land
Veränderungen mit sich brachte. Die Technisierung der bäuer-
lichen Arbeit, der Einsatz von Kunstdünger boten neue Entwick-
lungsmöglichkeiten, zugleich fielen traditionelle Arbeitsplätze
weg. Dies und die Aussicht auf ein besseres Leben führten zu einer
großen Landflucht. In den Fabriken bestimmte nicht mehr der
Jahreslauf, sondern der Maschinentakt den Arbeitstag. Geringe
Entlohnung, hohe Belastung, fehlende soziale Absicherung
waren Missstände, die erst langsam durch die Selbstorganisation
der Arbeiterschaft und anderer Unterprivilegierter wie etwa der
Dienstmädchen zurückgedrängt wurden und schließlich mit der
Gründung von Genossenschaften, Arbeitervereinen, Gewerk-
schaften und Parteien, vor allem der Sozialdemokratischen Partei,
eine Lösung fanden.
In den Städten hatten die Bauern aus der Umgebung – oft über
städtische Kleinhändler – gute Absatzmöglichkeiten für ihre Pro-
dukte. Bis heute finden landwirtschaftliche Waren aus der Region
ihre Kundschaft auf den Stadtmärkten.