Seite 28 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

Basic HTML-Version

26
INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
Teuerungen und der Notstand der Armen vermieden werden
konnten. Die Voraussetzungen, Maßnahmen und Folgen dieser
enormen Produktions- und Produktivitätszunahme bilden den
Kern der Agrargeschichte Bayerns im 19. und 20. Jahrhundert.
So schrieb Alois Schlögl, von 1948 bis 1954 bayerischer Landwirt-
schaftsminister und Herausgeber der 1954 erschienenen „Bay-
erischen Agrargeschichte“, die Ertragssteigerungen vier Maß-
nahmen zu: zur Hälfte dem Einsatz von Kunstdünger, zu einem
Viertel der Verbesserung der Bodenbearbeitung, zu 15 Prozent
einem besseren Saatgut und zu 10 Prozent einer Verbesserung
der Fruchtfolgen.
Bäuerliche und handwerkliche Gesellschaftsstrukturen zeigen
meist eine gute symbiotische Beziehung – so im besonderen
Maße in Bayern, denkt man etwa an die vorindustrielle dörf-
liche Schmiede, die dann zur mechanischen Werkstatt mutierte.
In den Städten entwickelten sich viele aus dem Mittelalter stam-
menden Gewerbe weiter, wobei freilich auch manche, vor allem
infolge des Wandels im Verkehrswesen, gefährdet waren. Die
Geburt der Industrie aus dem Handwerk bedeutete für Bayern
eine Sonderformder Industrialisierung, die in England und dann
im Rhein-Ruhr-Gebiet anders verlief, wo sie auf ausgedehnten
Latifundien basierte, die den Fabrikherren großräumige Fabrik-
anlagen und mithilfe frühkapitalistisch akkumulierter Geldre-
serven die Beschäftigung von Massen meist ungelernter Arbeiter
ermöglichten. Nimmt man Nürnberg, eine höchst bedeutsame
Stadt des Maschinenzeitalters, als herausragendes Beispiel für
die handwerkliche Tradition, aus der die Fabrik sich entwickel-
te, so zeigt die gewerbliche Struktur in der zweiten Hälfte des
14. Jahrhunderts, dass von annähernd 100 verschiedenen Beru-
fen 72 dem Handwerk angehörten. 1320 wird übrigens erstmals
ein Drahtzieher erwähnt – ein Vorausweis auf die Entwicklung
Nürnbergs zu einem Zentrum der Metall verarbeitenden Indus-
trie und des Metallhandels.
Auf solchem Hintergrund sind die Unternehmerbiografien zu
sehen, die im „Handwerksklima“ historischer Städte gediehen –
vor allem in einer Zeit, in der, wie im 19. Jahrhundert, ein allge-
meiner Aufbruch und Ausbruch aus den mittelalterlichen Stadt-
mauern in die Vororte stattfand und die das Handwerk been-
genden Traditionen und Reglementierungen, etwa in Form des
Zunftwesens, überwunden wurden. Der Handwerker brachte in
den Prozess der Industrialisierung ingeniöse Mentalität ein, ins-
besondere die Fähigkeit des Improvisierens und „Tüftelns“. Er
war darauf aus, Erfahrungen von anderen nutzbringend zu ver-
werten; von der obligatorischen Wanderschaft brachte er viele
Kenntnisse mit nach Hause. Er musste, um überleben zu können,
seine Arbeit ständig, nicht zuletzt durch Erfindungen, verbes-
Der Dutzendteich in Nürnberg, an dem früher Mühlen und Hammer-
werke, seit 1825 die Maschinenfabrik Wilhelm Späth angesiedelt
waren, wandelte sich im 19. Jahrhundert zu einem Naherholungs-
gebiet mit beliebten Ausflugslokalen. Die Aufnahme von 1909 gibt
einen Eindruck vom Freizeitvergnügen der besseren Gesellschaft.
Mit dem eigenen Ruderboot setzte man sich auf den bayerischen
Seen elegant in Szene. (Anzeige aus: Fliegende Blätter vom
23. April 1897)