Seite 27 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
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Edmund Stoiber solche unio realistica zu charakterisieren. Die-
ses zitiert auch Marita Krauss in ihrer profunden Studie über
Modernisierungsprozesse in Bayern zur Zeit König Ludwigs II.
(1864–1886); sie stellt fest, dass Bayern durch wesentliche Inno-
vationen in Wirtschaft, Verkehr und Wissenschaft, in Politik, im
Sozialbereich und in der Kultur den Weg in die Moderne, wenn
auch auf andere Weise als Preußen, gefunden habe. Da waren
zum Beispiel die vorangetriebene Nutzung der Wasserkräfte der
Isar, die Erfindung der Bogenlampe und ihrer Versorgung mit
der Dynamomaschine (Schuckert & Co) – die erste Elektrizitäts-
ausstellung fand 1882 in München statt –, die Entwicklung der
Kältetechnik (Carl von Linde), der Siegeszug des Telefons, die
Einführung der zunächst dampfbetriebenen, dann elektrischen
Straßenbahn, vor allem aber der Ausbau der Eisenbahn; Maffei
verkaufte im Jahr 1867 bereits seine 500. Lokomotive. Ein Jahr
zuvor hatte Georg Krauß die Genehmigung für die Errichtung
einer Fabrik erhalten, in der er, als Newcomer auf dem Markt,
Lokomotiven und Tender produzierte. Bis 1904 lieferte das
Münchner Unternehmen, das dann aus drei Werken bestand
(eines davon in Linz), 5220 Lokomotiven mit 106 verschiedenen
Spurmaßen; die Leistung der Maschinen variierte zwischen
5 und 800 PS.
In Bayern – so befindet Marita Krauss – wurden „erfolgreiche
Anfänge sozialer Bewegungen wie der Arbeiterbewegung, der
Frauenbewegung, der Naturschutzbewegung sichtbar … Das
Land war in die Weltwirtschaft hineingewachsen und erlebte
Konjunkturen und Krisen. Ludwig II. und seine Bauten wurden
zum Fremdenverkehrsfaktor – doch die Monarchie selbst war
längst nicht mehr politikbestimmend, wenngleich sie bis zur
Revolution von 1918 in ihren Repräsentationsfunktionen ein
akzeptiertes Band um den sich modernisierenden Staat bildete.“
Was insgesamt zu den Merkmalen der Industrialisierung und
deren Einwirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft gehörte,
ist in Bayern stets im Kontext agrarstaatlicher und agrargesell-
schaftlicher Strukturen zu sehen, die freilich durch die Indus-
trialisierung auch transformiert wurden. Besonders mussten
wegen der raschen Bevölkerungszunahme, einer gewissen baye-
rischen Autarkie vertrauend, die landwirtschaftlichen Erträge
wesentlich gesteigert werden, ohne dass dadurch Hungersnöte,
Ländliche Wohnformen wurden von den Stadthäusern zuerst be-
und schließlich ganz verdrängt, wie hier in der Nürnberger Glocken-
hofstraße 58.
Die historische Bausubstanz in Nürnberg litt stark unter der intensi-
ven Nutzung, mit der man der Wohnungsnot zu begegnen suchte.
Die um 1900 entstandene Aufnahme des Altstadtgebäudes There-
sienstraße 11 zeigt ein solches Beispiel.