Seite 25 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
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Die Vorstellung vom Anstieg der Gemütlichkeit, je mehr man
sich dembayerischen Südenmit ZentrumMünchen näherte, also
den mit der Donau fixierten „Weißwurst-Äquator“ überschritt,
prägte sich tief ein, auch wenn man seit der romantischen Ent-
deckung Nürnbergs Ende des 18. Jahrhunderts die fränkische
Metropole, hier durch altdeutsche Butzenscheiben, Rostbrat-
würste und Gewürzlebkuchen charakterisiert, ins entschleunig-
te Dorado einbezog. So sehr dies dem freilich nur langsam sich
entwickelnden und dann vor allem auf die Alpen fokussierten
Tourismus zugutekam – der Industrialisierung war eine Welt
kontraproduktiv, in der man einen Lebensrhythmus mit lang-
samem Maß bevorzugte, auch gerne die Maß in schweren Bier-
krügen zu deftigem Trunk an den Mund führte. Bayern schien
für eine Zeit undWelt, die auf Tempo, Innovation, Umbruch und
Aufbruch setzte, wenig geeignet, was die Fortschrittsideologen
als hinterwäldlerische Rückständigkeit denunzierten, die Kul-
turpessimisten als rurales, von der Zivilisation noch verschon-
tes Refugium anpriesen und die auf den technischen Fortschritt
hoffenden Realisten als territoriale Unterentwicklung beklagten,
die es zu überwinden galt.
In einem Beitrag der „Leipziger Illustrirten Zeitung“ Mitte des
19. Jahrhunderts wurde der „gemütliche“ und deshalb für die
Industrialisierung wenig geeignete „bayerische Mensch“, dessen
Land zudem hinsichtlich der Gewinnung und Beziehung der
Rohstoffe allen Fabrikstaaten gegenüber im Nachteil sei, mit
der heranwachsenden neuen Schicht „rechter Leute“ als Hoff-
nungsträger konfrontiert, die – als Beispiel wählte der Verfas-
ser des Artikels die Arbeiter der 1839 in München gegründeten
Maffei’schen Lokomotivfabrik – bewiesen, dass Bayern durch-
aus für große Fabrikanlagen geeignet sei und seine Erzeugnisse
mit denen anderer Länder wetteifern könnten. Und gäbe es ein
Dutzend solcher Männer wie den Fabrikherrn Joseph Anton von
Maffei – „man würde nicht mehr die Wirthshäuser von Morgen
bis Abend überfüllt sehen und nicht lange mehr durch den für
die Altbayern fast zum Glaubensartikel erhobenen Satz: ‚Bayern
kann kein Fabrikstaat sein‘ angewidert werden“.
Im Hinblick auf die Umwandlung Bayerns vom Agrar- zum
Industriestaat verließ man sich hauptsächlich auf die „neue
Konditionierung des Menschen im Zeichen geänderter Erfor-
dernisse“, wobei mit zunehmender Kritik an den Schattensei-
ten der Technisierung, an Entfremdung und Entwurzelung, als
besonderer Vorteil Bayerns empfunden wurde, dass hier die Ver-
bindung von ländlicher Bodenständigkeit und zivilisatorischem
Fortschritt möglich schien. In unseren Tagen versucht das
zum allgegenwärtigen Zitat gewordene Gegensatzpaar „Laptop
und Lederhose“ des früheren bayerischen Ministerpräsidenten
1865, 1905, 1909: die Entwicklungsstadien des Nürnberger Verkehrs-
knotens „Plärrer“, an dem die Fürther Straße beginnt, die auch die
erste Eisenbahnstrecke Deutschlands bildete. Am 7. Dezember 1835
absolvierte hier der legendäre „Adler“ seine Jungfernfahrt. Die Foto-
grafie von 1905 gibt auch einen Eindruck von den rasch wachsenden
Vororten.