Seite 24 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
Der 1878 von A. Gnauth erstellte – freilich nicht verwirklichte – Nürn-
berger Stadterweiterungsplan sah vor, die Stadtmauern einzureißen
und auf der eingeebneten Fläche des Stadtgrabens moderne Bauten
zu errichten und die Innenstadt mit breiten Straßen zu durchziehen.
Die 1839 entstandene Radierung von Johann Christoph Jakob Wilder (1783–1838)
gibt den Blick in die bürgerlich geprägte Nürnberger Adlerstraße wieder.
I Wandel des Stadtbilds
Die vielerorts noch mittelalterlich geprägten
Städte konnten der mit der Industrialisierung
verbundenen Expansion nicht gerecht wer-
den. Die Stadtmauern behinderten einen
zügigen Verkehrsfluss; der durch das starke
Bevölkerungswachstum bedingte Flächenbe-
darf war groß. Am Beispiel der alten Reichs-
stadt Nürnberg, deren Bevölkerung von 31000
Einwohnern im Jahr 1796 auf 78000 im Jahr
1865 stieg, lassen sich die mit dieser Entwick-
lung verbundenen Probleme aufzeigen. Über-
legungen, den Mauerring um die Stadt abzu-
brechen, scheiterten amEinspruch einer denk-
malbewussten Bürgerschaft, wie sie sich etwa
im 1877 gegründeten Gesamtverein der Deut-
schen Geschichts- und Altertumsvereine for-
mierte.
Der Flächenbedarf für Wohnungen – häufig
waren dies billig erstellte Mietskasernen und
Siedlungen –, für öffentliche Gebäude wie
Gaswerke,
Wasserwerke,
Krankenhäuser,
Bahnhöfe, aber auch für Erholungs- und Frei-
zeitareale und schließlich für die neuen Fabrik-
anlagen wurde vor allem in den Vororten aus-
gewiesen, die sich rasch von eingemeindeten
Dörfern in eigene Stadtviertel wandelten. Im
Stadtzentrum vollzog sich der Wandel, inso-
weit es die historische Struktur ermöglichte:
Es entstanden Kulturbauten, Stadtparks, Ver-
gnügungsareale, bürgerliche Wohnanlagen,
aber auch arme Familien fanden in der alten
Bausubstanz ein Unterkommen, wenngleich
diese – nicht zuletzt durch gewinnsüchtige
Hausbesitzer – heruntergewirtschaftet wurde.