Seite 23 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
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u einer Zeit, da die sich formierende Soziologie und
Sozialpsychologie ihr methodisches Vorgehen erst zu
ertasten versuchte, etwa ihre Kasuistik (also die Fähig-
keit, aus Fallstudien generalisierende Rückschlüsse auf
gesellschaftliche Strukturen zu ziehen) noch in den Anfängen
war und sie sich häufig mit subjektiven Impressionen von frag-
würdiger Relevanz begnügte, schrieb Willy Hellpach in seiner
1902 erschienenen Abhandlung „Nervosität und Kultur“, die
süddeutsche Gemächlichkeit preisend und von nord- bzw. west-
deutscher Hektik abgrenzend, dass in Berlin und Hamburg, in
Hannover und Köln das rechte Treiben erst um elf Uhr nachts
beginne:
„Man strömt aus den Konzertsälen und Theatern und die Ner-
ven sind viel zu erregt, um den Gedanken ans Schlafen zu fassen.
Rechnet man dazu, daß das gute Bier sehr teuer und sehr schwer,
das durchschnittlich getrunkene schlecht ist – der Süddeutsche
würde es ohne Zögern weggießen –, so weiß man, warum die
meisten Norddeutschen nachts im Restaurant sitzen: um sich
zu zerstreuen. Im Süden findet man die Weinwirtschaften und
Bierhäuser auch am Tag nie so verlassen, wie im Norden; denn
der Süddeutsche trinkt, wenn er Durst hat und weil er Durst hat
und Appetit auf einen ‚guten Tropfen‘ dazu. Wie verkehrt, dem
Süddeutschen größere Vergnügungssucht anzudichten! Nicht
im Entferntesten erreichen in Zerstreuungen aller Art die süd-
deutschen Mittelstädte den Rekord selbst der norddeutschen
kleinen Nester; im Süden sitzt man breit und behaglich vor sei-
nem Kruge, im Norden wird ungleich mehr geschwatzt, gelacht
und gelärmt und ungleich weniger getrunken. Das Restaurant
ist eben dort und hier etwas ganz anderes; und der Gegensatz
prägt sich am schärfsten aus zwischen den beiden Großstädten,
deren eine die größte und deren andere die geringste Intensität
wirtschaftlichen Schaffens verkörpert: Berlin und München.“
INDUSTRIEKULTUR IN BAYERN
Hermann Glaser