Seite 21 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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Postkarte der „Deutschen Gewerbeschau“
in München 1922
Bayern von 1970 bis 2000 aufwies, entfielen 710 400 (42,56 Pro-
zent) auf Oberbayern, 196000 auf Niederbayern (11,74 Prozent),
102900 auf die Oberpfalz (6,16 Prozent), 33000 auf Oberfranken
(1,95 Prozent), 190500 auf Mittelfranken (11,4 Prozent), 151000
auf Unterfranken (9,03 Prozent) und 286700 auf Schwaben
(17,17 Prozent).
Ausschlaggebend für diese Wachstumsunterschiede war die
nach wie vor höchst unterschiedlicheWirtschaftskraft der Regie-
rungsbezirke. Im Jahr 2007 lag der auf einen Einwohner entfal-
lende Anteil am Bruttoinlandsprodukt in Oberbayern bei 41903
Euro, während es in Oberfranken, dem wirtschaftsschwächsten
Regierungsbezirk, 28783 Euro waren; der bayerische Durch-
schnitt lag bei 34 630 Euro. Entsprechend unterschiedlich
waren die Einkommen: 2007 reichte die Spanne des jährlichen
Durchschnittseinkommens von 27869 Euro in Oberbayern bis
zu 21290 Euro in der Oberpfalz; der bayerische Durchschnitt
lag bei 24252 Euro. Noch größer waren die Einkommensunter-
schiede zwischen den städtischen Ballungsräumen und den
ländlichen Bezirken. So betrug das durchschnittliche Einkom-
men in den kreisfreien Städten Oberbayerns 30 087 Euro, in den
Landkreisen der Oberpfalz aber 21074 Euro.
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte folgte damit einem in
allen weit entwickelten Ländern zu beobachtenden Trend, der
durch einen unaufhaltsamen Aufstieg der sich nun zu „Metro-
polregionen“ erweiternden Ballungsräume gekennzeichnet ist.
In Bayern hatte sich die erste dieser Regionen um München
gebildet, das seit den 1970er-Jahren kontinuierlich an Attrakti-
vität gewonnen hat. Die Stadt profitierte zunächst vor allem von
der Ansiedlung zahlreicher zentraler staatlicher, wissenschaft-
licher und wirtschaftlicher Institutionen. In deren Umfeld haben
sich bevorzugt solche Unternehmen etabliert, denen die Nähe
zu diesen Einrichtungen – insbesondere in der Forschung –
größeren Nutzen verschaffte. Diese waren es dann auch, die
von der massiven staatlichen Förderung „innovativer“ Wirt-
schaftsbereiche besonders profitiert haben und profitieren. Nach
im Jahr 2002 veröffentlichten Analysen eines Wirtschaftsfor-
schungsinstituts rangierte Oberbayern unter den erfassten 211
EU-Regionen an siebter Stelle und zählte München zu den drei
attraktivsten Wirtschaftsstandorten Europas. Die Metropol-
region München ist das bei Weitem stärkste Zugpferd des baye-
rischen Wirtschaftswachstums, auch wenn sich daneben weitere
Entwicklungsachsen, so vor allem entlang der Donau und des
Untermains, ausgebildet haben. Die Entwicklung dieser sekun-
dären Wachstumsregionen aber hat bisher nicht verhindern
können, dass sich sowohl das Gefälle zwischen den ländlichen
Regionen und den Ballungsräumen wie das zwischen Nord- und
Südbayern weiter verstärkte.
RESÜMEE
Überblickt man die Entwicklung, die Bayerns Wirtschaft seit
Beginn der Industrialisierung genommen hat, so sieht man, dass
diese maßgeblich von Kräften angetrieben und gelenkt wurde,
die außerhalb der Einflusssphäre des Staates lagen. Dies gilt
für die Industrialisierung, die Grundlage der modernen Welt,
im gleichen Maße wie für die Globalisierung. Beide sind Teile
ein und desselben Prozesses, der Ausformung der modernen
Weltwirtschaft. Dabei handelt es sich um einen höchst dyna-
mischen, die Welt umspannenden Prozess, an dem unzählige
Akteure mitwirken und dessen Tempo und Richtung niemand
vorgeben kann. Das kann auch der Staat nicht. Wie der Blick
auf die Geschichte Bayerns zeigt, kann ein Staat allenfalls durch
die Gestaltung der Rahmenbedingungen dazu beitragen, seine
Gesellschaft zu befähigen, sich an diesem Prozess zu beteiligen.
Dassman dies in Bayern frühzeitig erkannt hat, belegen vor allem
die Aktivitäten zur Schaffung eines leistungsfähigen Schul- und
Bildungswesens, einer effektiven, korruptionsfrei arbeitenden
Verwaltung und Justiz sowie einer zeitgemäßen Infrastruktur.
Wichtig ist jedoch auch die Ausformung einer Gesellschaftsord-
nung, die es den Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu ent-
falten und einen ihren Leistungen entsprechenden Platz in der
Gesellschaft einzunehmen. Die dazu erforderlichen sozialpoli-
tischen Reformen aber kamen zur Zeit der Monarchie in Bayern
nur schleppend voran, denn so wichtig der damaligen Staats-
führung die Steigerung der Wirtschaftskraft auch war, andere
politische Ziele genossen Vorrang.
Das war auch in der Zeit der Weimarer Republik der Fall, in der
jedoch der Spielraum der bayerischen Politik ohnehin stark ein-
geschränkt war. In der unmittelbaren Nachkriegszeit beabsich-
tigte die Staatsregierung zunächst ebenfalls, die für unabdingbar
erachtete weitere Industrialisierung zur Verfolgung bestimmter
struktur- und sozialpolitischer Zielvorstellungen zu nutzen.
Durch eine „dezentralisierte Industrialisierung“ und die Schaf-
fung „gleichwertiger Lebensbedingungen“ in allen Landesteilen
sollten die tradierten gesellschaftlichen Verhältnisse trotz eines
rapiden Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft erhalten wer-
den. Dieser Versuch aber musste scheitern, da sich die säkularen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungsprozesse
auch diesmal nicht aufhalten ließen.
Nach der Rezession von 1966/67 und dem Ölpreisschock von
1973, mit denen die Ära zu Ende war, in der man auf ein stetes