Seite 20 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
Scherzpostkarte zur Bayerischen Gewerbe-
schau auf dem Alten Messegelände in Mün-
chen 1912
Postkarte der Brauerei-Ausstellung auf der Theresien-
wiese 1926 in München
Postkarte der „Elektrischen Ausstellung
für Gewerbe, Haushalt und Landwirt-
schaft“ in Nürnberg 1912
Zeitalter reibungsloser als in anderen Teilen Deutschlands. Der
Anteil des produktiven Sektors an der Gesamtzahl der Beschäf-
tigten verringerte sich von 1970 bis 1987 nur mäßig von 47,2 auf
44 Prozent. Dabei gingen in der elektrotechnischen Industrie,
dem Maschinenbau sowie einer Reihe kleinerer Branchen kaum
Arbeitsplätze verloren, der Fahrzeugbau konnte sogar um fast
100 Prozent zulegen; er allein stellte nun etwa 12 Prozent der
Beschäftigten des produzierenden Gewerbes. Zuwächse wiesen
auch die Bereiche Chemie und Kunststoffe sowie das Ernäh-
rungsgewerbe auf.
Dass Bayern beim Start ins postindustrielle Zeitalter einen
gewissen Vorsprung gegenüber anderen Bundesländern hatte,
ersieht man auch daraus, dass sein Bruttoinlandsprodukt seit
1975 wieder schneller wuchs als im Bundesdurchschnitt. In
den 1980er-Jahren verlor dieser Prozess aber an Dynamik und
1986 sowie 1988 lag dieser Zuwachs wieder unter dem Bun-
desdurchschnitt. Die sich damit abzeichnende Annäherung
der bayerischen an die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der
Bundesrepublik wurde jedoch 1989 gestoppt. Denn durch die
Wiedervereinigung, die Öffnung des Eisernen Vorhangs und die
Osterweiterung der EU rückte Bayern schlagartig vom Rand des
europäischen Wirtschaftsraums in dessen Zentrum. Seine bis-
herigen Standortnachteile wurden zu Standortvorteilen und der
Wirtschaftsstandort Bayern gewann nachhaltig an Attraktivität.
Der Auflösung des „sozialistischen Lagers“ zu Beginn der
1990er-Jahre folgte ein weltweiter wirtschaftlicher Entwick-
lungsschub. Von 1990 bis 2000 wuchs die Industrieproduk-
tion der Welt um 80 Prozent, die internationalen Kapitalströ-
me haben sich versechsfacht. Diese Entwicklung war die Folge
der „Globalisierung“, deren Kennzeichen eine enge Verflechtung
aller Volkswirtschaften bei enormer Ausweitung der gegen-
seitigen Auslandsinvestitionen und der Landes- und Kontinent-
grenzen überschreitenden Unternehmenszusammenschlüsse
und Kooperationen ist.
Auch in Bayern ging nun der Anteil des produzierenden Gewer-
bes an der Bruttowertschöpfung deutlich zurück, während der
des Dienstleistungssektors entsprechend zunahm. Waren 1992
noch 41,2 Prozent der Beschäftigten im produktiven Sektor und
36,2 Prozent im Dienstleistungssektor tätig, so stellte sich das
Verhältnis im Jahr 2000 umgekehrt dar: 38,2 Prozent im Dienst-
leistungs- und nur noch 35,7 Prozent im produktiven Sektor.
Wegen seiner Standortvorteile hat Bayerns Wirtschaft die Glo-
balisierung besser verkraftet als andere Bundesländer. Einen
erheblichen Beitrag dazu leistete das Finanzdienstleistungsge-
werbe, dessen Wertschöpfung von 1991 bis 2000 um 60 Pro-
zent anstieg, während die der bayerischen Wirtschaft insgesamt
„nur“ um 21 Prozent wuchs. Schon vor der Jahrtausendwende
zeichnete sich jedoch die Krise ab, in die das Finanzwesen bald
danach geriet: Zugunsten der Steigerung des Umsatzes und der
Erträge nahmen die Banken große Risiken in Kauf. Das führte
2007 zu hohen Verlusten, die viele Banken – so auch die Baye-
rische Landesbank – nur mit massiver staatlicher Unterstützung
auffangen konnten. Das hatte nicht nur einen deutlichen wirt-
schaftlichen Einbruch zur Folge, sondern belastete die Staats-
finanzen in solchemMaße, dass Zweifel an der Kreditwürdigkeit
vieler Staaten entstanden. Welche Auswirkungen diese weltweite
Staatsschulden- und Bankenkrise haben wird, ist derzeit noch
völlig unabsehbar.
Der Strukturwandel Bayerns hat sich unter diesen Bedingungen
forciert fortgesetzt. Da industrielle Arbeitsplätze vor allem in
den strukturschwachen Regionen verloren gingen, die meisten
neuen der Dienstleistungsbranche aber in den Ballungsräumen
entstanden, verstärkte sich das Nord-Süd-Gefälle weiter. Von
dem Zuwachs in Höhe von rund 1,67 Millionen Menschen, den