Seite 19 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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Postkarte der „Bayrischen Gewerbeschau“ 1912 in München
Postkarte der „Bayerischen Gewerbeschau“ 1912 in München
telmeer nach Ingolstadt gebaut. Dort gingen umgehend einige
Raffinerien in Betrieb, wodurch die Preise für Mineralölpro-
dukte deutlich sanken. 1964 wurde der Anschluss Bayerns an
das westdeutsche Ferngasnetz hergestellt. 1970 wurde mit der
UdSSR erstmals die Lieferung von Erdgas vereinbart. Die Ener-
gieversorgung stand damit der anderer Bundesländer nicht
mehr nach, womit Bayern als Industriestandort erheblich an
Attraktivität gewann. Zudem trieb die Staatsregierung unter
Einsatz massiver öffentlicher Mittel die Stromerzeugung durch
Kernenergie voran. 1961 ging das Versuchskraftwerk in Kahl
am Main ans Netz und seither wurden in rascher Folge weitere
Kernkraftwerke errichtet, die ab den 1970er-Jahren einen immer
größeren Teil des Stroms lieferten.
Diese Industrialisierungspolitik beschleunigte den Struktur-
wandel. Von 1960 bis 1970 verringerte sich die Zahl der Land-
wirte um 33,2 Prozent, der Anteil der Landwirtschaft am Brut-
tosozialprodukt ging von 9,4 auf 4,7 Prozent zurück. Dadurch
wurden auch das Wachstum der Ballungsräume sowie das Nord-
Süd-Gefälle verstärkt; während in Oberbayern von 1961 bis 1970
die Zahl der Erwerbstätigen um 183000 wuchs, ging sie in Nie-
derbayern um 6800, in Unterfranken um 13000 und in Ober-
franken um 27700 zurück. Das mit der „Erschließung des Lan-
des“ und der „dezentralisierten Industrialisierung“ verfolgte Ziel
„gleichwertiger Lebensbedingungen“ war somit auch Ende der
1960er-Jahre offensichtlich noch nicht erreicht. Offiziell infrage
gestellt wurde dieses Ziel zwar auch jetzt nicht, aber die Politik
setzte nun unverkennbar andere Prioritäten. Auslöser dafür war
die erste Rezession der Nachkriegszeit 1966/67, mit der in Bayern
viele der mit großem Aufwand geschaffenen ländlichen Indus-
triearbeitsplätze verloren gingen. 1967 rangierte Bayern erstmals
seit zehn Jahren beim Zuwachs des Bruttosozialprodukts wieder
unter dem Bundesdurchschnitt. Dies veranlasste die Staatsregie-
rung, effizientere Formen der Wirtschaftsförderung zu suchen.
War diese bisher vor allem über den Umweg der „Erschließung
des Landes“ erfolgt, so stand künftig die unmittelbare Förde-
rung „innovativer“ Wirtschaftsbereiche an erster Stelle, wobei
der Standort der jeweiligen Unternehmen zweitrangig war. Die-
se Form der Wirtschaftsförderung genoss seither Vorrang, auch
wenn sich hinsichtlich des Kreises der Geförderten sowie bei der
Art der staatlichen Einflussnahme noch gewisse Verlagerungen
politischer Prioritäten erkennen lassen.
VOM „ÖLPREISSCHOCK“ ZUR GLOBALISIERUNG
Die Umsetzung der neuen wirtschaftspolitischen Ziele wurde
durch die Ölversorgungskrise des Winters 1973/74 beschleunigt,
mit der die Ära des stetigen, weltweiten Wirtschaftswachstums
zu Ende ging. Der nun folgende starke Anstieg der Energiekos-
ten stellte insbesondere die „alten“ energieintensiven Industrie-
zweige vor große Probleme. Da diese in Bayern von jeher gering
waren, dagegen diejenigen, in denen das Knowhow und damit
die Dienstleistungen eine wichtige Rolle spielen, gut vertreten
waren, vollzog sich hier der Übergang ins „postindustrielle“