Seite 18 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
Die Postkarte der Münchner Ausstellung von 1908 zeigt die Stadtsilhouette.
Postkarte der „Oberpfälzischen Kreis-Ausstellung“ in
Regensburg 1910 anlässlich der 100-jährigen Zuge-
hörigkeit Regensburgs zum Königreich Bayern
Kräfte zur Verbesserung der Lebensbedingungen auf dem Land
genutzt werden. Und die Flüchtlinge und Vertriebenen sollten
dort bleiben, wo sie hauptsächlich untergekommen waren, also
im ländlichen Raum. In den folgenden Jahrzehnten wurde des-
halb mit großem Aufwand die ländliche Infrastruktur ausge-
baut und die Ansiedlung von Industriebetrieben auf dem Land
gefördert. Ermöglicht wurde dies durch die rasch steigenden
Staatseinnahmen.
Seit Beginn der 1950er-Jahre gewann die Wirtschaft Bayerns an
Dynamik. Ausschlaggebend dafür war, dass sich in den Jahren
des „Wirtschaftswunders“ gerade die in Bayern starke Investi-
tions- und Verbrauchsgüterindustrie sehr gut entwickelte. Zahl-
reiche Unternehmen entstanden in diesen Jahren neu oder wur-
den nach Bayern transferiert, darunter zunächst viele aus der
„Ostzone“. Neben einem boomenden Export war dieses Wirt-
schaftswachstum einer starken Binnennachfrage zu verdanken,
die in Bayern durch die vielen Flüchtlinge und Vertriebenen
besonders kräftig zunahm. Die Zugewanderten stellten zudem
ein großes Potenzial an Arbeitskräften dar, während in anderen
Teilen Deutschlands bereits Ende der 1950er-Jahre ein Arbeits-
kräftemangel herrschte.
Diese positive Entwicklung war auch von hoher politischer
Bedeutung, da mit dem „Wirtschaftswunder“ das Wirtschafts-
wachstum zum wichtigsten Gradmesser politischen Erfolgs
wurde. Besonders im Wettstreit zwischen Bundesländern mit
Regierungen anderer politischer Couleur spielte die Entwick-
lung des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts eine zentrale Rolle.
Dass zumindest der Zuwachs des bayerischen Bruttoinlands-
produkts ab 1957 durchweg höher ausfiel als im Bundesdurch-
schnitt, war der bayerischen Staatsregierung daher sehr wichtig.
Unvermeidlich wandelte sich mit dem Aufschwung der 1950er-
Jahre auch die Wirtschafts- und Sozialstruktur Bayerns erheb-
lich. Der Anteil der Land- und Forstwirtschaft am Bruttoin-
landsprodukt sank von 14,5 Prozent im Jahr 1950 auf 9,4 Prozent
im Jahr 1960, dagegen stieg der Anteil des produktiven Sektors
von 45,2 auf 49,6 und der des tertiären Sektors von 30,4 auf
32,1 Prozent. Wurden 1950 noch 31 Prozent der Erwerbstäti-
gen der Landwirtschaft zugerechnet, so waren es 1960 nur noch
21,4 Prozent. Entsprechend erhöhte sich der Anteil der in Indus-
trie und Gewerbe Tätigen von 36,9 auf 45 Prozent und der im
tertiären Sektor Tätigen von 28,9 auf 33,6 Prozent. Parallel dazu
vollzog sich eine Abwanderung von den „strukturschwachen“
Gebieten in die Ballungsräume. Bayernweit wuchs die Bevölke-
rung von 1950 bis 1961 um 3,6 Prozent – in Oberbayern jedoch
um 11,4 und in Mittelfranken um 7,6 Prozent. Dagegen ver-
zeichnete Niederbayern einen Schwund von 13, Oberfranken
von 2,9 und die Oberpfalz von knapp 0,8 Prozent.
In den 1960er-Jahren wuchs Bayerns Industrie kräftiger als die
Westdeutschlands, was vor allem dem Ersatz der Kohle durch
andere Energieträger zu verdanken war. Diesen Wandel unter-
stützte die Staatsregierung massiv. Maßgeblich auf ihre Initia-
tive hin wurde von 1961 bis 1963 die erste Pipeline vom Mit-