Seite 17 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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Postkarte der Ausstellung „Angewandte Kunst, Hand-
werk, Industrie, Handel, öffentliche Einrichtungen,
Sport“ in München 1908
der rasche Aufbau einer landesweiten Stromversorgung und
der Ausbau der Wasserstraßen die weitere Industrialisierung
Bayerns – hierbei war die 1921 erfolgte Gründung der Rhein-
Main-Donau AG von großer Bedeutung.
Ein weiterer Anschub erfolgte durch die Wirtschaftspolitik des
nationalsozialistischen Regimes. Vor allem ab 1935, als die Auf-
rüstung in vollem Umfang einsetzte, räumte dieses gerade jener
Industrie Vorrang ein, die in Bayern stark vertreten war. Die
großen bayerischen Unternehmen des Maschinen-, Apparate-,
Instrumenten- und Fahrzeugbaus, die sich schon im Ersten
Weltkrieg und in den 1920er-Jahren sehr gut entwickeln konn-
ten, expandierten unter diesen Bedingungen kräftig weiter. Aber
auch das Streben des NS-Regimes nach Autarkie bei Lebensmit-
teln und kriegswichtigen Rohstoffen kam Bayerns Wirtschaft
zugute, denn betriebswirtschaftliche Aspekte wurden hintange-
stellt und so boomten nun auch in Bayern Industriezweige wie
Bergbau und Stahlerzeugung, die unter normalen Umständen
nicht konkurrenzfähig gewesen wären. Bayerns Wirtschaft ent-
wickelte sich so gut, dass es seinen Rückstand in der Industria-
lisierung sehr rasch aufholte. Dieser Wirtschaftsboom hatte zur
Folge, dass ab Mitte der 1930er-Jahre erstmals mehr Menschen
nach Bayern zuzogen als abwanderten. Dieses starke industrielle
Wachstum setzte sich auch während des ZweitenWeltkriegs fort.
Trotz der Bombardierungen waren die industriellen Kapazitäten
Bayerns am Ende des Kriegs deshalb weitaus größer als zuvor.
Schon während des Kriegs waren zudem Kapital und Industrie-
anlagen nach Bayern verlagert worden und dieser Zuzug setzte
sich danach fort.
DIE NACHKRIEGSZEIT
1945 verfügte Bayern über große Industriekapazitäten und ver-
zeichnete einen Zuzug von über zwei Millionen Flüchtlingen
und Vertriebenen. Für sie mussten vor allem in Industrie und
Gewerbe Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt werden, weshalb
die amerikanische Militärregierung die ursprünglich geplante
Demontage großer Teile der bayerischen Industrieanlagen weit-
gehend unterließ. Damit bestanden, als 1948 der wirtschaft-
liche Neustart erfolgte, sehr günstige Voraussetzungen für eine
Fortsetzung der Industrialisierung. Ihr räumte auch die Staats-
regierung Priorität ein, ohne darüber jedoch ihre sozial- und
ordnungspolitischen Zielsetzungen aus den Augen zu verlieren:
die Vermeidung eines weiteren Wachstums der Ballungsräume
und die Förderung des Mittelstands. Indem sie an die Sozial-
und Wirtschaftspolitik der 1920er-Jahre anknüpfte, entsprach
die Politik den Erwartungen jener Konservativen, die sich im
starken altbayerischen Flügel der CSU um Alois Hundhammer
scharten. Um die für unumgänglich erachtete Industrialisie-
rung dennoch forcieren zu können, entwickelte Hanns Seidel,
der vom „liberalen“ Flügel der CSU unterstützt wurde, das Kon-
zept der dezentralisierten Industrialisierung mittels „Erschlie-
ßung des Landes“. Auf diese Weise sollten die für unvermeidlich
erachtete Industrialisierung gewissermaßen gezähmt und ihre