Seite 16 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
Oben und rechte Seite: Postkarten der Jubiläumslandesausstellung
in Nürnberg 1906
in einem möglichst wenig Energie verbrauchenden Verfahren,
denn auch Energie war teuer. Diese Bedingungen begünstigten
die Entstehung einer Industrie, in der Qualität vor Quantität
rangierte und die Entwicklung material- und energiesparender
Technologien einen hohen Stellenwert hatte.
Diese Art der Industrie gewann mit der zweiten Industriali-
sierungswelle stark an Bedeutung, denn sie wurde von der elek-
trotechnischen und chemischen Industrie getragen, die in Bay-
ern sehr günstige Bedingungen vorfand. Bayern verfügte über
zahlreiche für die Stromerzeugung nutzbare Wasserkräfte
und große Salzvorkommen, einem der wichtigsten Rohstoffe
der neuen elektrochemischen Industrie. Elektrotechnik und
Chemie beeinflussten aber auch den Maschinen-, Apparate-,
Instrumenten- und Anlagenbau – und damit Sparten, in denen
Bayerns Industrie gut aufgestellt war und die sich in der Folge
auch bestens entwickelten.
Während des Ersten Weltkriegs begünstigten die besonderen
wirtschaftlichen Voraussetzungen das Wachstum der Industrie-
zweige, die direkt und indirekt für die Rüstung produzierten.
Andere hingegen – vor allem die Konsumgüter- und Bauindus-
trie sowie Landwirtschaft, Handwerk und Handel – erlitten
einen Niedergang. Damit hatte die Politik des monarchischen
Bayern ihr zentrales Ziel, die Konservierung der Staats- und
Gesellschaftsordnung, letztlich verfehlt. Als im November 1918
die Monarchie beiseitegefegt wurde, fand sich niemand, der sie
ernsthaft verteidigt hätte.
ZWISCHENKRIEGSZEIT UND NS-HERRSCHAFT
Mit der Ausrufung des Freistaats am 8. November 1918 wurde
das Volk zum Souverän und es war die Aufgabe seiner im Land-
tag versammelten Repräsentanten, der Politik die Leitlinien
vorzugeben. Nach heftigen politischen Turbulenzen und einer
kurzen Kooperation von Sozialdemokraten und Konservativen
kam im März 1920 eine bürgerlich-rechtskonservative Regie-
rung ans Ruder und seither wurde Bayern stets von Koalitionen
dieser Couleur regiert. Deren Wirtschaftspolitik knüpfte naht-
los an jene der Monarchie an. In der Arbeiterschaft und dem
Proletariat sahen die konservativen Kräfte nach wie vor eine
Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung, weshalb sie eine wei-
tere Industrialisierung grundsätzlich ablehnten. Erneut stand
die Förderung des Mittelstands ganz oben auf der politischen
Agenda. Die Industrie dagegen galt vielen als notwendiges Übel,
dessen gesellschaftsschädigende Folgen man durch gezielte För-
derung „gesunder“ Industriezweige und eine Dezentralisation
minimieren müsse.
Aber diese Politik blieb weitgehend wirkungslos, denn die Ent-
wicklung der bayerischen Wirtschaft wurde von anderen, stär-
keren Kräften bestimmt. Das waren zunächst die Inflation, die
1923 in der Hyperinflation und einer Währungsumstellung
mündete, und dann die Weltwirtschaftskrise, die Deutschland
in den Jahren von 1929 bis 1933 im Griff hatte. Beide Vorgänge
beschleunigten den Abstieg des Mittelstands und die Formie-
rung großer Unternehmen und Konzerne. Zudem förderten