Seite 14 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
Die Ansicht zeigt die Dimension des Ausstellungsgeländes der „Bayerischen Landesausstellung“ 1896 in Nürnberg.
Gewerbefreiheit hätte freigesetzt werden können. Diese wurde
jedoch vom bürgerlichen Mittelstand entschieden abgelehnt.
Die Bürger waren von der Furcht vor einem sozialen Abstieg
beherrscht, den sie durch die Zunahme der Handels- und Ge-
werbebetriebe erwarteten. Die Staatsführung nahm auf deren
Interessen zunächst jedoch geringere Rücksichten und strebte
die Gewerbefreiheit an. Als aber 1830 mit der französischen
Julirevolution das Schreckgespenst einer Revolution wiederauf-
erstand, gab sie dem Druck des Bürgertums nach. Seither ver-
folgte sie auch in der Gewerbe- und Sozialpolitik einen äußerst
restriktiven Kurs. Erneut hatte somit das Interesse am Erhalt der
Monarchie über die Notwendigkeit gesiegt, die Wirtschaftskraft
zu steigern. Die Folge war, dass die Zahl der Gewerbebetriebe
abnahm und die Bevölkerung Bayerns weitaus langsamer wuchs
als in anderen Teilen Deutschlands, wo die Industrialisierung
mittlerweile rasch voranschritt.
Jene Staaten, die vor der Gewerbefreiheit nicht zurückschreck-
ten und in denen die natürlichen Voraussetzungen für die erste
Phase der Industrialisierung günstig waren – wie dies in west-
lichen Provinzen Preußens der Fall war –, zogen Bayern davon.
Die bayerische Staatsführung beobachtete diese Entwicklung
sehr aufmerksam; sie wusste, dass man sich ihr nicht entziehen
konnte, wollte ihre als negativ empfundenen sozialen Begleiter-
scheinungen aber vermeiden. Einschneidende Reformen kamen
aus den oben genannten Gründen nicht infrage und so konzen-
trierte sich der Staat auf die Verbesserung der wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen. Dazu zählten der Aufbau einer effizienten
Verwaltung und Justiz, der Ausbau des Bildungs- und Ausbil-
dungswesens, die Schaffung eines leistungsfähigen Banken- und
Versicherungswesens, die Förderung von Industrieausstellungen
und vieler anderer Aktivitäten, die vorzugsweise der Wirtschaft
zugutekamen. Hervorzuheben sind Bayerns Anteil an der Bil-
dung des Deutschen Zollvereins, der 1834 in Kraft trat, und
seine großen Investitionen in den Ausbau der Verkehrsinfra-
struktur. Diese erfolgten zunächst in den Straßen- und Wasser-
straßenbau, ab 1840 dann vor allem in die Eisenbahn. Mit dem
Eisenbahnbau brach sich auch in Bayern endgültig die Industri-
alisierung Bahn.
1848 erfasste die europaweite revolutionäre Welle auch Bayern.
Da sich das Bürgertum hier aber sehr rasch auf die Seite der
Monarchie stellte, überstand diese die Krise ohne signifikante
Schwächung. Und da nun endlich auch die Grundherrschaft
abgeschafft wurde, und dies in einer für die Bauern sehr güns-
tigen Form, gelang es der Monarchie, sich die Loyalität des
bäuerlichen Mittelstands zu sichern. Um die unteren Bevölke-
rungsschichten zu beruhigen, wurde 1848 ein „Ministerium des
Handels und der Öffentlichen Arbeiten“ geschaffen, eine Reihe
von Maßnahmen sollte für die Verbesserung der sozialen Ver-
hältnisse sorgen. Aber erst als in den 1850er-Jahren die Unab-
hängigkeit Bayerns durch das Bestreben Preußens, Deutschland
unter seiner Führung zu einen, akut gefährdet war, erhielt die
wirtschaftliche Entwicklung tatsächlich Priorität. Da nur ein