Seite 132 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR ENTDECKEN
zwecken verwendet. Eine Besichtigung des imposanten Innen-
raums ist derzeit nur selten möglich. Der Landkreis stößt mit der
Verantwortung für dieses Monument europäischer Dimension
an die Grenzen des Machbaren. In Bälde sollen jedoch regelmä-
ßige Öffnungszeiten eingerichtet werden und auch eine Ausstel-
lung, die das imposante und dabei doch rätselhafte Denkmal
den Besuchern erschließt.
www.radom-raisting.de
www.radom-raisting-gmbh.de
Infrastruktur einer ganz anderen Zeit zeigt unser nächster
Schauplatz, der ebenfalls im Alpenvorland liegt. Die
Sole-
pumpstation Klaushäusl
in der Gemeinde Grassau (Landkreis
Traunstein) gehörte zu einer Anlage industriellen Charakters,
die 1810 im vorindustriellen Bayern in Betrieb ging. Es handelt
sich um eine Soleleitung. Produktion, Transport und Verkauf
von Salz waren zu jener Zeit ein staatstragender Wirtschafts-
zweig des frisch gekürten Königreichs Bayern. In die entspre-
chenden Anlagen wurde ordentlich investiert. Schon seit dem
frühen 17. Jahrhundert versiedete man Sole aus Berchtesgaden
und Bad Reichenhall auch in Traunstein, dessen Holzreichtum
die Energieversorgung sicherte. Man brachte das Salzwasser
mittels einer Soleleitung dorthin. Diese frühe Pipeline bestand
aus einer Abfolge von Stationen, an denen man die Sole in einen
hoch gelegenen Behälter pumpte. Von dort führte eine Rohrlei-
tung mit sanftem Gefälle zur nächsten Station. Um 1800 sollte
die mittlerweile 200 Jahre alte Leitung erneuert und zudem bis
Rosenheim verlängert werden. Für den Antrieb der Pumpen
stand Wasserkraft zur Verfügung. Um dieses Projekt konkur-
rierten die führenden Techniker Bayerns. Der geniale Konstruk-
teur Georg Reichenbach erhielt den Zuschlag mit seiner Idee,
die Stationen mit neu entwickelten Pumpen auszustatten. Seine
Konstruktion verwendete das Wirkprinzip der Dampfmaschi-
ne. Statt des Dampfes wirkte aber eine „Wassersäule“, also der
Wasserdruck eines hoch gelegenen Zuflusses auf den Antriebs-
kolben. Man nennt solche Pumpen Wassersäulenmaschinen.
Reichenbachs Maschinen erzielten mit weniger Antriebswasser
eine weit höhere Leistung als herkömmliche Kolbenpumpen mit
Wasserradantrieb. Die 107 Kilometer lange Leitung von Rei-
chenhall nach Rosenheim war für eine tägliche Förderung von
300 Kubikmetern Sole ausgelegt. Sie tat ohne nennenswerte Pro-
bleme von 1810 bis 1958 ihren Dienst. In Klaushäusl – und nur
hier – ist die gesamte Pumpstation von 1810 erhalten geblieben:
Die Niederreserve, also der große Behälter für die ankommende
Sole, das Aufschlagwasserhäusl, das Pumphaus mit der Wasser-
säulenmaschine, die Pumpleitung aus Bleirohren, die Hoch-
reserve für die abgehende Sole und das Wohnhaus des Brunn-
wärters mit seiner Familie. Die Gemeinde Grassau führt das
Anwesen als Museum mit regelmäßigen Öffnungszeiten. In
der Niederreserve ist eine Ausstellung zur Natur- und Kultur-
geschichte des nahe gelegenen Hochmoors Kendlmühlfilzen
eingerichtet, im Wohnhaus wird auch ein Café betrieben.
www.grassau.de/de/museum-salz-moor-klaushaeusl
Niederbayern
Im Osten Bayerns hat die Gewinnung so genannter minera-
lischer Rohstoffe eine lange Tradition. Das sind eher unschein-
bare Bodenschätze wie Kalkstein, Quarzsand, Feldspat oder
Kaolin. Deren Gewinnung und Aufbereitung erfolgt mittels
Steinbrüchen und Tagebaugruben, Anlagen zum Brechen, Sich-
ten und Klassieren, zur Trocknung und zur chemischen Um-
wandlung. Die Produkte dieser Grundstoffindustrie benötigt
man für die Herstellung einer Vielzahl von Alltagsprodukten,
beispielsweise in der Papier-, Glas-, Keramik-, Kunststoff- oder
Kosmetikindustrie. Statistisch gesehen, verbraucht heute jeder
Mitteleuropäer zwölf Tonnen mineralische Grundstoffe im Jahr.
Der Abbau dieser großen Materialmengen hinterlässt Spuren, es
entstehen völlig neue Landschaftsformen. Man versucht heutzu-
tage, die so entstandenen Wunden in Flora und Fauna mit Maß-
nahmen zur Renaturierung zu heilen. Die teilweise sehr tiefen
Gruben, die im Tagebau entstehen, können aber nicht wieder
aufgefüllt werden. Natürlich zufließendes Grundwasser macht
sie zu Seen.
Die vollständig erhaltene Pumpstation Klaushäusl aus dem Jahr 1809
zeigt industrielle Technik aus dem vorindustriellen Bayern.