Seite 131 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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von 1972 oder der Rücktritt des amerikanischen Präsidenten
Richard Nixon im Jahr 1974. Die Anlage besteht aus einer gewal-
tigen Antenne und Anlagen zur Verstärkung und Aufbereitung
der in der Frühzeit extrem schwachen Signale. Technisch gese-
hen, betrat man mit vielen Elementen dieser Station Neuland.
Die anfangs zur Signalverstärkung verwendete MASER-Tech-
nologie benötigte einen künstlich hergestellten Einkristall aus
Aluminiumoxid und extrem tiefe Temperaturen. Die Rechner
zur Steuerung der Antenne, anfangs musste sie dem über den
Himmel eilenden Satelliten nachgeführt werden, hatten nach
heutigen Maßstäben lächerlich geringe Leistungen. Da ihre
Kapazität nicht ausreichte, den jeweiligen Winddruck auf die
Antenne in die Ergebnisse einzurechnen, benötigte diese erste
Raistinger Antenne ein Gebäude. Dieses wiederum durfte die
Signalübertragung nicht behindern. Architekt Hans Maurer ent-
warf hierfür eine kugelrunde Traglufthalle – auch das ein Wag-
nis an Material und Bautechnik – und kombinierte sie mit Bau-
werken in weiteren geometrischen Grundformen Die gesamte
Industrieanlage, die 1964 auf vier Antennen und ihre Neben-
gebäude angelegt war, integrierte Maurer sorgsam in die um-
gebende Landschaft. Dass die Bodenstation gerade hier, im
malerischen Voralpenland errichtet wurde, hat seinen Grund
hauptsächlich darin, dass die so genannte Raistinger Wanne
die Störstrahlung des Warschauer Pakts im Kalten Krieg ab-
schirmte. 1985 hatte das Radom Raisting ausgedient. Es ist dem
Engagement vor Ort zu verdanken, dass es nicht abgebrochen
wurde, sondern heute Denkmalschutz genießt. Gelegentlichwird
die nach wie vor betriebsfähige Anlage sogar zu Forschungs-
Talstation ebenfalls in der Erscheinungsform von 1928 erhalten
sind, versteht sich da fast schon von selbst. Die Predigtstuhl-
bahn befördert ihre Gäste auf die sanft geneigte Hochfläche des
Lattengebirges, von der man einen atemberaubenden Ausblick
genießt. Aktive erkunden von hier aus das Lattengebirge, bei-
spielsweise den Hochschlegel, dessen drei Gipfel sich von der
Bergstation in weniger als einer Stunde erreichen lassen. Wer
nach dem Ausflug in luftige Höhen noch kulturelle Kondition
aufweist, dem sei ein Besuch im Bad Reichenhaller Salzmuse-
um in der Alten Saline empfohlen. Allein deren Gebäude, eine
monumentale Anlage von 1834, lohnen den Abstecher. Nimmt
man sich Zeit für einen Rundgang, so gelangt man unter Tage zu
Brunnenanlagen aus den vergangenen 500 Jahren.
www.predigtstuhlbahn.de
Weiter westlich im bayerischen Alpenvorland findet man eine
weitere Ikone des Industriezeitalters. Das
Radom Raisting
im Landkreis Weilheim-Schongau ist ein Meilenstein auf dem
Weg zur satellitengestützten Kommunikation und, wenn man
so will, auch auf dem Weg zur Globalisierung. Es handelt sich
um eine Bodenstation des Satellitenfunks der ersten Genera-
tion. Als die „Erdefunkstation“ Raisting 1964 in Betrieb ging,
erhöhte sich die Fernsprechkapazität zwischen Europa und
Amerika schlagartig von 17 auf 240 Kanäle. Hier empfan-
gene und verstärkte Signale lieferten erstmals „live“ Fernseh-
bilder in europäische Wohnzimmer. Spektakuläre Ereignisse,
die via Raisting in Echtzeit übertragen wurden, waren die
erste bemannte Mondlandung 1969, die Olympischen Spiele
Eine kugelrunde Traglufthalle schützt die erste Antenne von Raisting
am Ammersee. Die Anlage ging 1964 als Bodenstation der ersten
Generation des Satellitenfunks in Betrieb und steht heute unter
Denkmalschutz.