Seite 13 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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DIE WIRTSCHAFT IN DER ÄRA DER MONARCHIE
An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert litt Europa unter
kriegerischen Auseinandersetzungen größten Ausmaßes,
wodurch der wirtschaftliche Austausch stark beeinträchtigt
wurde. Nach Abschluss der napoleonischen Kriege und der Auf-
hebung der Kontinentalsperre wurde der europäische Kontinent
von den Waren der mittlerweile weit entwickelten englischen
Industrie regelrecht überschwemmt. Die durch die Kriege bereits
stark reduzierte Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten wurde
durch Missernten zusätzlich geschwächt, danach aber folgte ein
lang andauernder Preisverfall der Agrarprodukte, womit die
Einkommen breiter Schichten und damit auch die Nachfrage
nach gewerblichen Produkten nochmals sanken.
Diese Entwicklungen machten allen Staaten schwer zu schaffen.
So waren die Staatsschulden des neu geschaffenen Königreichs
Bayern 1819 rund viermal so hoch wie die jährlichen Einnahmen
und der Haushalt wies – vor allemwegen der hohen Ausgaben für
die Armee – ein starkes Defizit auf. Wollte Bayern seine jüngst
errungene Souveränität behaupten, so musste es die Staatsein-
nahmen steigern. Das aber konnte nur durch die Stärkung der
Wirtschaftskraft geschehen. Eine solche hatte man bereits im
18. Jahrhundert mit merkantilistischen Maßnahmen angestrebt,
allerdings mit geringem Erfolg. Mittlerweile war der Merkan-
tilismus durch die neue Wirtschaftstheorie von Adam Smith
abgelöst worden, der auf die allmächtigen Kräfte von Angebot
und Nachfrage setzte. Aber selbstverständlich gab die Politik der
Wirtschaft den Rahmen und die Richtung vor. Die Richtlinien
der Politik bestimmte jedoch der König und für diesen hatten
zwei Ziele oberste Priorität: der Erhalt der Monarchie und die
Bewahrung der Unabhängigkeit Bayerns. Beide Ziele waren mit-
einander verknüpft, aber nicht deckungsgleich. Die Wahrung
der Unabhängigkeit erforderte vor allem militärische Potenz,
die entsprechende Staatseinnahmen und damit wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit voraussetzte. Die Sicherheit der Monar-
chie beruhte auf der Unterstützung durch die „staatstragenden
Schichten“ und als solche galten der Adel und der bürgerliche
Mittelstand. Auf deren Interessen musste der König Rücksicht
nehmen, was seinen sozial- und wirtschaftspolitischen Hand-
lungsspielraum erheblich einschränkte.
Eine Wirtschaftsförderung hätte beim wichtigsten Wirtschafts-
zweig, der Landwirtschaftansetzenmüssen. UmderenLeistungs-
fähigkeit zu erhöhen, hätte man als Erstes die Grundherrschaft
aufheben müssen, denn diese zementierte die ländlichen Besitz-
verhältnisse und ließ den Landwirten kaum Spielraum. Solange
die Grundherrschaft bestand, war deshalb jede echte Moderni-
sierung der Landwirtschaft unmöglich. Da diese aber die mate-
rielle Basis des Adels war, durfte sie nicht angetastet werden.
Die Staatsführung war sich der wirtschaftlichen Folgen dieser
Unterlassung bewusst, räumte jedoch dem Erhalt des Adels als
wichtigste Stütze der Monarchie absoluten Vorrang ein.
Auch der Wirtschaftsbereich Handel und Gewerbe besaß ein
großes Entwicklungspotenzial, das durch die Einführung der