Seite 126 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR ENTDECKEN
Schwaben
Wie kommt der Strom in die Steckdose? Seit der Absichtserklä-
rung unseres Landes zur Energiewende ist diese Frage wieder
in aller Munde. Unser ganzes Leben basiert auf einer zuverläs-
sigen Stromversorgung. Kaum vorstellbar, dass die komplexen
industrialisierten Gesellschaften des späten 19. Jahrhunderts
ohne Elektrizität auskamen, dass Antriebe, Heizung, Beleuch-
tung und Kommunikation keinen Strom benötigten. Elektrizität
ist die vielseitigste Form von Energie. Man kann sie auf zahl-
reiche Arten gewinnen, leicht transportieren und für vielerlei
Dienstleistungen einsetzen. Kein Wunder, dass diese Technolo-
gie die Welt im Sturm eroberte. Dass sich elektrischer Strom bis
heute nicht in nennenswerten Mengen speichern lässt, erhöhte
die Anforderungen an das System, tat aber dem Erfolg keinen
Abbruch. In Bayern begann der Siegeszug der Elektrizität im
Jahr 1882. In diesem Jahr organisierte Oskar von Miller – heu-
te vor allem bekannt als Gründer des Deutschen Museums – in
München eine „Electricitäts-Ausstellung“ nach dem Vorbild der
„Exposition de l’électricité“, die ein Jahr zuvor in Paris Furore
gemacht hatte. Die Münchner Ausstellung zeigte Anwendungen
des elektrischen Stroms, insbesondere Beleuchtung, und bewies,
dass sich Strom mit Leitungen über Land transportieren lässt.
Miller wurde in den folgenden Jahrzehnten zum Mentor und
Pionier der bayerischen Elektrifizierung. Er entwickelte einen
Masterplan für die Versorgung des Landes und konzipierte mit
seinem Ingenieurbüro zahlreiche kommunale Kraftwerke. Dass
dabei fließendes Wasser als Energiequelle diente, war Oskar
von Miller eine Selbstverständlichkeit, liefert doch ein Fluss die
Energie stets nach, wenn die Sache einmal eingerichtet ist. Und
das, um ein aktuelles Schlagwort zu verwenden, CO
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-frei. Der
Bezirk Schwaben mit seinen zahlreichen Wasserläufen bietet
eine Vielzahl historischer und moderner Beispiele für die effek-
tive Nutzung der Wasserkraft.
Das
Wasserkraftwerk Langweid
im Landkreis Augsburg lie-
fert heute Strom für 15000 Haushalte. Hier lässt sich trefflich die
Langlebigkeit vonWasserkraftanlagen studieren. 1907 in Betrieb
gegangen, erfüllt das Werk bis heute seinen ursprünglichen
Zweck. DieWasserkraft liefert hier nicht der Lech direkt, sondern
der um 1900 zum Betrieb dieses und zweier weiterer Kraftwerke
gebaute Lechkanal. Zum besseren Verständnis der maschinellen
Ausstattung sei ein Exkurs in die physikalischen Grundlagen
der Wasserkraftnutzung gestattet: In jedem Wasserkraftwerk
finden zwei Energie-Umwandlungen statt. Turbinen verwandeln
die potenzielle Energie des Wassers, also die Fließbewegung auf-
grund des Höhenunterschieds zwischen Ober- und Unterwasser
in eine Drehbewegung. Im Generator entsteht aus dieser Dreh-
bewegung elektrischer Strom. Bei beiden Umwandlungen treten
Verluste auf. Eine entscheidende Kenngröße der Maschinen im
Kraftwerk ist deren Höhe, die man mit dem so genannten Wir-
kungsgrad beziffert. Der kostspielige Austausch von Maschinen
in Kraftwerken wird nur durchgeführt, wenn damit der Wir-
kungsgrad gesteigert werden kann. Der erste Turbinensatz – in
Langweid handelte es sich um vier Francisturbinen von MAN –
arbeitete von 1907 bis 1955. Die zweite Turbinenausstattung,
Francisturbinen von VOITH, drehte sich bis 1993. Erst zu diesem
Zeitpunkt wurden die Generatoren der ersten Generation, Dreh-
strom-Synchrongeneratoren der Fabrikate Lahmeyer und AEG,
ebenfalls außer Betrieb genommen. Seit 1993 sind im Kraft-
Seit 1907 wird im Kraftwerk Langweid Strom aus Wasserkraft gewon-
nen. Der Erweiterungsbau auf der Ostseite entstand 1938. Heute
präsentiert das Lechmuseum Bayern im historischen Kraftwerks-
gebäude eine Ausstellung zum Fluss Lech, zum System der
Stromerzeugung und natürlich zur Geschichte des Kraftwerks.