Seite 124 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR ENTDECKEN
familien in historischen Kostümen nachzuspielen. Nur an weni-
gen Orte in Bayern werden Industriegeschichte und Industrie-
kultur derart umfassend und anschaulich erlebbar wie in diesem
Denkmal an der Pegnitz.
www.industriemuseum-lauf.de
Eine nahezu verschwundene Industrie kann man im
Fabrikmu-
seum Roth
erleben. Es zeigt in einem authentisch rekonstru-
ierten, betriebsfähigen Ensemble die Produktion so genannter
leonischer Waren. Das sind Gespinste aus feinen Gold-, Silber-
und Kupferdrähten, wie sie etwa zur Verzierung kostbarer Tex-
tilien oder für Christbaumschmuck Verwendung finden. Ihren
Namen erhielten diese Waren wohl nach der Stadt Lyon, von wo
sie im 16. Jahrhundert ein Auswanderer ins Fränkische brach-
te. Hier gab es zu diesem Zeitpunkt etablierte Drahtzieher. Sie
nahmen sich der neuen Produkte sofort an und entwickelten
sie weiter. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb die leonische
Industrie der führende Gewerbezweig der Stadt Roth, der größte
Teil der Waren ging in den Export nach Übersee. Auch heute
noch verarbeitet man in Roth Kupferdrähte, nun allerdings zu
Stromkabeln. Im Fabrikmuseum Roth führen Mitarbeiter auf
originalen Maschinen vor, wie in einer typischen leonischen
Fabrik der Zeit um 1920 Drähte immer feiner gezogen, geplät-
tet, versponnen und zu Geweben verarbeitet wurden. Vor den
Augen der Besucher entstehen Borten, Bänder, Tressen, Kordeln
und Fransen aus fein schimmernden Metallfäden. Besonderen
Eindruck machen die ratternden Jacquard-Webstühle mit ihrer
Lochkartensteuerung. Neben der Produktionstechnik erinnert
eine Ausstellung an die Menschen, die in der leonischen Indus-
trie ihr Brot verdienten. 2003 wurde das Fabrikmuseum Roth
mit dem Bayerischen Museumspreis ausgezeichnet.
www.fabrikmuseum-roth.byseum.de
In Stein bei Nürnberg befindet sich der Stammsitz des heute
weltweit agierenden Unternehmens
Faber-Castell
, das hoch-
wertige Schreibgeräte herstellt. Die Firma, in achter Generation
von der Familie geführt, konnte im Jahr 2011 ihr 250. Grün-
dungsjahr feiern. Zum Thema „holzgefasste Stifte“ bietet sie am
Standort Stein Besuchern zwei Rundgänge an. Man kann wählen
zwischen einem Einblick in die moderne Fertigung und einem
Gang durch das Museum Alte Mine, das Rückblenden auf die
Minenproduktion im 19. und 20. Jahrhundert bietet. Im denk-
malgeschützten Fabrikgebäude an der Rednitz aus dem Jahr
1848 ist hier auf zwei Geschossen der historische Produktions-
ablauf rekonstruiert. Das alte Kesselhaus des Betriebs dient als
Besucherzentrum, noch bis 1988 war von hier aus der Standort
mit Wärme versorgt worden. Wer sich für die Geschichte der
Familie interessiert, kann an einer Führung durch das frisch
restaurierte Faber-Castell’sche Schloss teilnehmen. Bauherren
des 1903 errichteten „Bleistiftschlosses“ waren die Firmener-
bin Ottilie und ihr Ehemann Alexander, die Firmeninhaber
der sechsten Generation. Auf diese beiden geht der Doppelna-
me des Unternehmens zurück. Ottilies Vater Lothar von Faber
hatte seinerzeit verfügt, dass bei der Eheschließung der tradi-
tionelle Familienname erhalten bleiben müsse – damals ein
höchst ungewöhnlicher Vorgang, der königlicher Genehmigung
bedurfte. Alexander und Ottilie nannten sich „Graf und Grä-
fin von Faber-Castell“. Später wurde der neue Name auch auf
das Unternehmen übertragen. Das Bleistiftschloss kann man
für Veranstaltungen und Events mieten. Faber-Castell hat auch
das eindrucksvolle Kesselhaus am Standort Geroldsgrün bei Hof
mustergültig restauriert. Dort ist die komplette Originalausstat-
tung erhalten geblieben: zwei Flammrohrkessel der Firma MAN
von 1937 und eine Dampfmaschine der Firma Mannesmann-
Meer, Mönchengladbach, von 1957. Alle Rundgänge erfordern
Voranmeldung.
www.faber-castell.de
„Donau und Main / für die Schiff-Fahrt verbunden / Ein Werk
von Carl dem Großen versucht /Durch Ludwig I. König von
Bayern / neu begonnen und vollendet /MDCCCXLVI“, verkün-
det eine Tafel am Burgberg in Erlangen. Sie verweist auf ein
Stück mittelfränkische Industriekultur einer ganz anderen
Sparte: Mit dem 1846 eröffneten
Ludwig-Donau-Main-Kanal
war endlich die von so vielen Regenten ersehnte Überwindung
der europäischen Wasserscheide geschaffen und damit eine
Im Fabrikmuseum Roth kann man die Produktion „leonischer“ Waren
erleben, Jacquard-Webstuhl und Spulengestell sind Teil der betriebs-
fähigen Ausstattung.