Seite 123 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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Mittelfranken
Ein Mitteleuropäer besitzt durchschnittlich 10 000 persönliche
Gegenstände. Unglaublich? Ein Blick in das eigene Sachuni-
versum wird annähernd oder übersteigend diese Zahl zutage
fördern. Noch unsere Großeltern kamen mit deutlich schma-
lerer Ausstattung durchs Leben. Vor gut 100 Jahren führte die
industrielle Serienproduktion zu einem gewaltigen Anstieg des
Warenangebots. Einstige Luxusgüter wie Porzellangeschirr,
Zucker oder Fahrräder wurden nun weiten Teilen der Bevölke-
rung zugänglich. Dass von diesem Segen eine gerade Linie zur
Wegwerfgesellschaft und zu jenen Auswüchsen führen würde,
die wir heute als Konsumterror bezeichnen, war nicht absehbar.
In der Möglichkeit, Produkte mithilfe von Maschinen zu „klo-
nen“, also absolut baugleiche Ausführungen eines Gegenstands
in großer Zahl herzustellen, liegt ein Wesenskern der Industria-
lisierung. Die Fabriken zur Produktion der Waren sind hoch-
komplexe Gebilde, in denen sich Technologie, Organisation,
Energieeinsatz und menschliche Bediener zu einer dynamischen
Struktur verbinden. Exemplarische Beispiele solcher Stätten der
Güterproduktion sind im traditionell gewerbefleißigen Groß-
raum Nürnberg zu entdecken.
Das
Industriemuseum Lauf
präsentiert atmosphärisch dicht,
wie, von wem und unter welchen Bedingungen in Lauf bis 1970
Waren produziert wurden. Das Museum befindet sich in einem
Komplex von 15 denkmalgeschützten Gewerbebauten an der
Pegnitz. Seit dem 13. Jahrhundert nutzten in Lauf Gewerbebe-
triebe die Wasserkraft des Flusses, später dann Elektrizitäts-
werke und Fabriken. Besucher des Industriemuseums können
Phasen und Aspekte der Industrialisierung am Beispiel der Stadt
Lauf durchwandern. Charakteristisches Merkmal der frühen
Zeit sind die mächtigenWasserräder, hier zu sehen an drei in situ
musealisierten Betrieben: einem Eisenhammer, einer Getrei-
demühle und einem Elektrizitätswerk mit jeweils kompletter
Originalausstattung. Alle drei Werke sind betriebsfähig und
werden regelmäßig vorgeführt. Wie in Zeiten der Hochindustri-
alisierung gefertigt wurde, sieht man in den ebenfalls hier am
Originalstandort komplett erhaltenen Hallen der Ventilfabrik
Dietz & Pfriem. Der 1911 gegründete Betrieb produzierte Ventile
für Benzin- und Dieselmotoren nahezu aller bedeutenden Auto-
marken der Welt, für Rennwagen und Motorräder, Lkws, Busse,
Traktoren, Lokomotiven und Schiffe. Schon die Räumlichkeiten
der Gesenkschmiede mit den drei mächtigen Spindelpressen
und der Fertigungshalle mit den zahlreichen Drehbänken und
Schleifmaschinen lassen die einstige Geschäftigkeit erahnen.
Auch hier kann man manche Maschinen in Betrieb erleben.
Packerei und Versand, Meisterbüro und Lehrlingswerkstatt,
Produkt- und Stahllager, Wasch- und Speiseraum der Arbei-
ter sowie Speisezimmer und Salon einer inszenierten Fabrik-
besitzerwohnung runden die Darstellung von Dietz & Pfriem
ab. In weiteren Gebäuden des Museums kannman den Alltag der
Arbeiter anhand eingerichteterWohnungen und Läden nachvoll-
ziehen. Insbesondere an Kindergruppen richtet sich das Ange-
bot, in der Museumswerkstatt das Leben der Laufer Arbeiter-
Das Industriemuseum Lauf an der Pegnitz zeigt umfassend und anschaulich, was Industrialisierung bedeutet.
Seit der Wirtschaftswunderzeit können sich auch Arbeiterfamilien ein
Wohnzimmer leisten, wie hier in einer Inszenierung im Industrie-
museum Lauf zu sehen.