Seite 12 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
auch ein großer Teil der in der gewerblichen Produktion Tätigen.
Starre Grenzen zwischen landwirtschaftlicher und gewerblicher
Produktion gab es ohnehin nicht, vor allem – aber nicht nur –
auf dem Land übten viele die Landwirtschaft und ein Gewerbe
nebeneinander aus, wobei die Grenzen zwischen Haupt- und
Nebenerwerb fließend waren. 1837 lebten in Bayern von „rei-
ner Landwirtschaft“ knapp 43,8 Prozent der Bevölkerung, von
„gemischter Landwirtschaft mit sekundärem Gewerbsbetrieb“
11,4 Prozent, von „gemischter Landwirtschaft mit vorherrschen-
dem Gewerbsbetrieb“ 9,9 Prozent und von „reinen Gewerben“
12,2 Prozent; 17 Prozent waren Dienstboten und Tagelöhner.
Auch in Bayernmussten also viele Menschen bereits in vorindus-
trieller Zeit einer gewerblichen (Neben-)Tätigkeit nachgehen,
um sich einen nachhaltigen Lebensunterhalt zu sichern.
Tatsächlich waren Einsatzbereitschaft und Arbeitswille, aber
auch Kenntnisse und Sachverstand der Menschen die wichtigs-
ten Ressourcen Bayerns. Vor allem diejenigen, die im breit gefä-
cherten städtischen Handwerk, im vielfältigen, über das ganze
Land verbreiteten Gewerbe sowie in den Manufakturen, Hütten-
werken und Betrieben unterschiedlichster Art tätig waren, ver-
fügten über die Kenntnisse und Fertigkeiten, die in Verbindung
mit neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen jenen techno-
logischen Quantensprung ermöglichten, der die frühe Industri-
alisierungsphase kennzeichnete. Nicht zufällig entstanden die
ersten neuartigen Unternehmen bevorzugt in jenen Städten und
Regionen, die eine oft jahrhundertealte gewerbliche Tradition
aufwiesen. So wurden in Oberschwaben und Augsburg seit dem
Mittelalter hochwertige Stoffe und Tuche erzeugt. Nürnberg war
ebenso lang schon Zentrum der Feinmechanik und der Metall-
verarbeitung und die Oberpfalz versorgte seit der frühen Neu-
zeit den gesamten süddeutschen Raum mit Eisen.
Und schließlich gab es in Bayern auch Wissenschaftler und
Ingenieure, die denen der wirtschaftlich weiter fortgeschritte-
nen Länder in nichts nachstanden. Zwar zählte das Bayern des
18. Jahrhunderts nicht zu den Staaten, die an der Spitze des wis-
senschaftlichen Fortschritts marschierten, und das galt auch für
die meisten Länder und Staatsgebilde, die später im modernen
Bayern aufgingen – dennoch gab es hier eine Reihe herausra-
gender Wissenschaftler und Techniker. Wissenschaft und For-
schung waren zwar noch weitgehend die Sache Einzelner sowie
privater wissenschaftlicher Gesellschaften, aber mit der Grün-
dung der Akademie der Wissenschaften 1759 bewies auch
Bayerns Landesherr Max III. Joseph, dass er die Zeichen der Zeit
erkannt hatte.
Wenn die Industrialisierung in Bayern dennoch zunächst nur
punktuell einsetzte, so hatte dies verschiedene Ursachen. Eine
war naturgegeben, und zwar der Mangel an Steinkohle im rechts-
rheinischen Bayern. Deshalb konnte hier keine umfangreichere
Schwerindustrie entstehen. Diese Industrie aber bildete neben
der Textilindustrie die Basis der frühen Industrialisierung. Die
anderen Ursachen waren hauptsächlich politischer Natur und
damit weitaus komplexer.