Seite 119 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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Oberpfalz
„Grube zu, die Öfen aus. Oberpfalz ein Armen-
haus“, formulierte der Volksmund im Krisen-
jahr 1987. Damit ist bündig gesagt, dass die
Oberpfalz jener Landstrich in Bayern ist, an
dem sich Aufstieg und Niedergang der Schwer-
industrie studieren lassen. Und auch, wie eng
das Wohl und Wehe dieses Wirtschaftszweigs
mit den Stahlkonjunkturen und der politischen
Geschichte Europas verknüpft war. In der ver-
dienstvollen Schriftenreihe des Bergbau- und
Industriemuseums Ostbayern lässt sich dies
bewirkte den Erhalt der Trasse und die Einrichtung eines Rad-
wegs. Die geschickte ebene Streckenführung der einstigen Bahn
macht eine Befahrung der Trasse heute zu einer familienfreund-
lichen Unternehmung. Weit abseits von viel befahrenen Auto-
straßen durchquert der neue Radweg schluchtenartige Gesteins-
durchbrüche, lässt einen Baggersee mit smaragdgrünem Was-
ser an sich vorbeiziehen und überwindet einen Bach im tiefen
Taleinschnitt auf dem meterhohen Bahndamm. Immer wieder
bietet die Tour herrliche Fernblicke auf die Höhenzüge des Fran-
kenwalds. In Naila beginnt der Radweg beim Einkaufscenter
Kaufland durch die Unterführung der Bundesstraße B 173. Der
Einstieg in Schwarzenbach befindet sich am ehemaligen Erba-
Gelände in der Walter-Münch-Straße.
Geschichte: www.schwarzenbacher.bockela.de
Radtour: www.bikemap.net/route/713351
Ein Highlight der bayerischen Industriekultur ist im oberfrän-
kischen Selb zu finden. Das
Porzellanikon
dokumentiert und
präsentiert anschaulich die Blütezeit der keramischen Industrie
in Nordostbayern. Es ist ein Museum der Industriegeschichte im
besten Sinn, verstanden als Einheit von Sozial-, Wirtschafts- und
Technikgeschichte rund um das „Weiße Gold“. Der historische
Maschinenpark führt vor, wie Porzellanmasse entsteht und wie
daraus Gebrauchsgegenstände werden. Museumsmitarbeiter
modellieren, gießen, drehen und pressen vielerlei Gefäße und
Gegenstände. Mit Filmen und Geräuschen kehrt in den authen-
tisch rekonstruierten Produktionsräumen wieder Leben ein. Ein
begehbarer Ofen zeigt das Brennen. In der Buntmacherei lässt
sich das Bemalen der Produkte nachvollziehen. In einem eigenen
Gebäude findet man die preisgekrönten Kunst- und Designob-
jekte der mehr als 125-jährigen Geschichte der Firma Rosenthal.
SchließlichlässtunshierdasEuropäischeMuseumfürTechnische
Keramik staunen – mit einer Erlebniswelt, die den Besuchern
keramische Hüftgelenke ebenso nahebringt wie die Hitzeschil-
de des Spaceshuttles. Das alles hat Platz auf dem Gelände einer
denkmalgeschützten Porzellanfabrik von 1866 mit noch funk-
tionstüchtigen Dampfmaschinen. Dass man an diesem Ort auch
Konferenzen abhalten und Events veranstalten kann, versteht
sich beinahe von selbst. Mit Fug und Recht ist das Porzellanikon
einer der beiden bayerischen Ankerpunkte der Europäischen
Route der Industriekultur (ERIH). Die Ernennung zum Lan-
desmuseum sichert dem ambitionierten Projekt nun endlich
eine langfristige Perspektive. Wer beim Besuch in Selb Gefal-
len am Porzellan gefunden hat, dem sei ein Besuch im vierten
Museum des Porzellanikons, dem Deutschen Porzellanmuseum
in Hohenberg an der Eger, empfohlen.
www.porzellanikon.org
www.erih.net/de/ankerpunkte
Im Porzellanikon in Selb-Plößberg machen Vorführungen – hier das
Porzellangießen – die Herstellung von Porzellan anschaulich.
Die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg birgt eine
Fülle an Denkmälern des deutschen Maschinen-
baus. Hier ein Blick auf eine der so genannten
Blockstraßen des Walzwerks, wo Stahlschienen
ihr endgültiges Profil erhielten. Bis zur Betriebsein-
stellung der Maxhütte wurde diese Anlage von
einer – ebenfalls noch erhaltenen – Dampfmaschi-
ne des Münchner Herstellers Maffei aus dem Jahr
1907 angetrieben.