Seite 118 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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historischer Wagen haben hier eine Heimat gefunden. Man be-
treibt eine eigene Museumsbahn mit historischen Zügen und
stellt die Infrastruktur für die Versorgung von Dampfloko-
motiven – das sind Wasserkräne, eine Bekohlungsanlage, eine
Ausschlackanlage und eine Wartungsgrube – auch anderen
Veranstaltern zur Verfügung. Mehrmals jährlich finden Dampf-
lokfeste statt, bei denen historische Schienenfahrzeuge von der
Draisine bis zur Hochdruckdampflokomotive in Betrieb genom-
men werden. Bis 2013 werden die Ausstellungsräume des Muse-
ums erweitert und neu gestaltet. Seine herausragende Stellung
unter den Eisenbahnmuseen verdankt das Deutsche Dampflok-
museum seiner Lage an der
Schiefen Ebene,
die im Museum
selbst auch Thema einer großen Modellbahnanlage ist. Mit die-
ser sieben Kilometer langen Rampe werden zwischen den Bahn-
höfen Neuenmarkt-Wirsberg und Marktschorgast 158 Höhen-
meter überwunden. Der aus Schieferblöcken gemauerte Damm
mit den zwei Fahrgleisen enthält 20 Brücken und Durchlässe
in bayerisch klassizistischer Bauweise. Zwei Bahnwärterhäuser
auf dem Gebiet der Gemeinde Himmelskron erinnern an die
aufwändige Wartung und Betreuung der Strecke. Die Einrich-
tung der Schiefen Ebene mit ihrer Steigung von durchschnittlich
23‰für denBetriebmit regulärenLokomotivenwar vor 160 Jah-
ren ein gewagtes Unterfangen und schrieb Eisenbahngeschichte.
Den Dampfzügen musste bergauf eine zweite Lokomotive beige-
geben werden. Für bergab fahrende Züge war im Betriebswerk
Neuenmarkt-Wirsberg ein Sandgleis eingerichtet, das Notbrem-
sungen erlaubte. Moderne Lokomotiven bewältigen die Strecke
ohne Vorspann. Eine Fahrt über die Schiefe Ebene mit Dampf-
zügen gehört jedoch heute sowohl für die mitfahrenden Eisen-
bahnfans als auch für die Fotografen entlang der Strecke zu den
ganz besonderen Erlebnissen. Ein abwechslungsreicher Lehr-
und Informationspfad mit Aussichtspunkten und 16 Informa-
tionstafeln erschließt die Kunstlandschaft der Schiefen Ebene
für Wanderer. Auch am Zielbahnhof Marktschorgast erwartet
Besucher und Reisende ein denkmalgeschütztes Ensemble. Das
Stationsgebäude, das ehemalige Wasserhaus für die Versorgung
der Lokomotiven und eine Güterhalle haben sich aus der Bauzeit
der Bahn erhalten. Bei Bahnkilometer 79,7 erhielt die Schiefe
Ebene im Jahr 1982 eine Ergänzung, die heute ebenfalls unter
Denkmalschutz steht. Links und rechts der Gleise finden sich
hier massive Säulen aus jeweils neun trapezförmigen Stahlbeton-
elementen. Es handelt sich um so genannte
Fallkörpersperren,
das sind Blockaden, die man bei Bedarf per Fernbedienung auf
die Schienen kippen konnte. Sie gehörten zu einem Sperrsystem
der NATO. In der Zeit des Kalten Kriegs lag der Landkreis Kulm-
bach an der Außengrenze des westlichen Bündnisses. Sperren
wie diese Betonblöcke sollten im Kriegsfall das Eindringen von
Zügen oder Panzern aus den Staaten des Warschauer Pakts nach
Westdeutschland verhindern oder zumindest verzögern.
www.dampflokmuseum.de
www.schiefe-ebene.info
www.naturbuehne-trebgast.de
Die Erfolgsgeschichte der Eisenbahn füllt Bücherwände, Film-
archive und Museumsgelände. Zu den Gewinnern des Eisen-
bahnzeitalters zählten die Kommunen entlang der Strecken.
Nach der Einrichtung der Hauptlinien, die bis etwa 1880 abge-
schlossen war, bemühten sich deshalb viele Gemeinden um
einen Anschluss per Nebenbahn. Eine der zahlreichen oberfrän-
kischen „Localbahnen“ führt seit 1898 von Hof durch den Fran-
kenwald ins 27 Kilometer entfernte bayerische Staatsbad Steben.
Doch auch die Nachbargemeinden dieser Bahnstrecke wollten
nicht leer ausgehen. Ein Beispiel für eine Nebenbahn der Neben-
bahn ist die
Stichbahn Naila–Schwarzenbach
durch das Cul-
mitztal, die in Naila von der Strecke Hof–Bad Steben abzweigt.
Sie nahm 1910 den Betrieb auf und ging als „Schwarzebächer
Mockala“ in die Lokalgeschichte ein. Selbstverständlich bedien-
te das Mockala fahrplanmäßig den Personenverkehr, doch die
größere Bedeutung hatte auf dieser nur neun Kilometer langen
Strecke der Gütertransport. Der Holzreichtum des Tals fand
auf der Schiene seinen Weg zu entfernten Abnehmern wie der
Papierfabrik Rosenthal in Blankenstein, in Poppengrün waren
ein Kalkwerk und ein Steinbruch über Werkgleise an die Bahn
angeschlossen. In Schwarzenbach ermöglichte der Bahnan-
schluss 1911 die Gründung der Mechanischen Weberei Walther
Münch & Co GmbH, die bis in die Türkei exportierte und
1927 von der Erba übernommen wurde. Den Wettlauf Schiene
gegen Straße verlor die Bahnstrecke Naila–Schwarzenbach 1973
im Personenverkehr und 1994 für die Güter. Private Initiative
Der Radweg auf der Trasse der ehemaligen Nebenbahn Naila–
Schwarzenbach im Frankenwald führt hier durch den Nailaer
Ortsteil Schottenhammer in Richtung Naila-Froschgrün.
Die Fallkörpersperre an der Schiefen Ebene ist ein Relikt des Kalten
Kriegs. Per Fernzündung hätte man die Betonsegmente im „Bedarfs-
fall“ über die Gleise kippen können, um die strategisch wichtige
Schienenverbindung im Verteidigungsfall zu blockieren.