Seite 116 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR ENTDECKEN
Oberfranken
In Oberfranken wenden wir uns einem der faszinierendsten
Themen der Industrialisierung zu, der Geschichte der Eisen-
bahn. Die Einführung des komplexen Systems Schienenver-
kehr erfasste im 19. Jahrhundert nahezu alle Lebensbereiche
und revolutionierte die Gesellschaft. Im Ergebnis ließ das neue
Verkehrsmittel die Welt schrumpfen, Wochenreisen wurden zu
Nachmittagsausflügen. Mit der Bahn fuhr außerdem der Bauer
genauso schnell wie der König, wenn auch nicht so komforta-
bel. Ein völlig neues Bevölkerungssegment entstand, die Eisen-
bahnbeamten mit guter Versorgung, hohem Ansehen und be-
sonderen Rechten, vom Direktor bis zum Streckenwärter. Der
Eisenbahnbetrieb brachte einen neuen Zeitbegriff mit sich, eine
Säkularisierung der Zeit, unabhängig von den Kirchturmuhren.
Materiell gesehen, erforderte die eiserne Bahn Kunstlandschaf-
ten mit Dämmen, Einschnitten, Brücken und Tunneln. Bahn-
höfe wurden errichtet für den Ein- und Ausstieg der Reisenden,
die Unterbringung und Verpflegung des Personals sowie die
Versorgung der Züge. Betriebsgelände und Streckenwärterhäu-
ser entstanden in großer Zahl. Neben dem Schienenweg verban-
den Signaltechnik und Telegrafen all diese Elemente der Eisen-
bahn. Dass darüber hinaus der Bau der Schienenfahrzeuge den
und die Herstellung von Papierbogen. Der handwerklichen Fer-
tigung ist dabei die industrielle Produktionsweise gegenüber-
gestellt. Auf der eindrucksvollen Rundsiebmaschine von 1883
wurden bis zum Jahr 1975 Pappen für Aktendeckel hergestellt.
In den drei hohen Dachböden unter dem gestuften Walmdach
wurden einst die Papierbogen getrocknet. Man kann sich heute
noch gut vorstellen, wie der Meister bei plötzlichen Wetterwech-
seln nach oben eilte, um die Lüftungsklappen zu bedienen und
seine kostbare Produktion zu schützen. Dass bei den Papierma-
chern noch um 1970 Leben und Arbeiten zu einer untrennbaren
Maschinenbau herausforderte und beflügelte, liegt auf der Hand.
Zwei Schauplätze stehen bei unserem Streifzug für das Zeitalter
der Eisenbahn: zum einen ein herausragender Betriebspunkt
der überregionalen Ludwig-Süd-Nord-Bahn, der ältesten bayeri-
schen Staatseisenbahnstrecke, zum anderen die Relikte einer
Nebenbahn, einer einstmals typischen Lokalbahn.
Die Ludwig-Süd-Nord-Bahn führte von Lindau nach Hof. Die
Strecke, benannt nach dem bayerischen König Ludwig I., wurde
in den Jahren 1843 bis 1854 gebaut und ist heute in das Stre-
ckennetz der Bundesbahn integriert. Auf dem Weg von Bam-
berg nach Hof erklimmt die Trasse der Ludwig-Süd-Nord-
Bahn das Fichtelgebirge mittels eines spektakulären Bauwerks,
der so genannten Schiefen Ebene. Die Befahrung dieser stark
geneigten Strecke war im 19. Jahrhundert eine Herausforderung
für Lokomotiven und Heizer. Doch betrachten wir zunächst den
Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg
(Landkreis Kulmbach), der
beispielhaft ist für die typisierten Bahnhöfe der Ludwig-Süd-
Nord-Bahn. Entlang der ganzen Strecke dieser Bahn benutzte
man lokales Baumaterial für die Errichtung der Gebäude. Der
Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg besteht aus Sandsteinquadern
aus einem Steinbruch bei Trebgast – dessen Gelände wird heute
Einheit verschmolz, lässt sich beim Besuch der original einge-
richteten Wohnräume aus dieser Zeit erahnen. Die Antriebs-
kraft für die Papiermaschinen lieferte das Wasser des Bisch-
bachs. Seit 2011 dreht sich das Wasserrad wieder. Es treibt einen
Dynamo zur Stromerzeugung, der immerhin vier Kilowatt Leis-
tung erbringt, den Bedarf von zwei Haushalten. Handwerklich
interessierten Besuchern bietet das Museum Workshops zum
Papierschöpfen an.
www.papiermuehle-homburg.de
Virtueller Rundgang: www.main-spessart.de
Das Bahnhofsgebäude in Neuenmarkt-Wirsberg ist beispielhaft für die typisierten Bahnhöfe der Ludwig-Süd-Nord-Bahn.