Seite 115 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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wurde es schließlich still um Marktsteft.
Die Eisenbahn übernahm einen Großteil
des Warentransports. Der Hafen aber
schaffte es auf die bayerische Denkmal-
liste. Am besten besucht man ihn im Juli
beim jährlichen Hafenfest. Dann erwacht
das beschauliche Dorf zu heiterer Betrieb-
samkeit. Man feiert unter Akazien, deren
Samen einst mit einem der Rückkehrer
aus Amerika den Weg nach Mainfranken
fanden.
www.marktsteft.de/hafenkultur
In Schweinfurt lässt sich eine Ikone des
Wasserbaus besichtigen. Hier teilt sich
der Main in drei Arme: den Hauptmain,
die Schifffahrtsstraße mit Schleuse sowie
einen Altarm, den Saumain. Das
Walzen-
wehr von Schweinfurt
am so genannten
Grundablass verhindert seit 111 Jah-
ren, dass das Wasser des Hauptmains in
den vier Meter tiefer gelegenen Saumain
abfließt. Das stählerne Ungetüm ist der weltweit erste Proto-
typ dieser Art von Wehranlage. Nachdem 1897 Eisgang das
alte Wehr an dieser Stelle zerstört hatte, suchte man nach einer
robusteren Lösung. 1901 legte die „Vereinigte Maschinenfab-
rik Augsburg und Maschinenbaugesellschaft Nürnberg A.-G.“
(MAN) einen revolutionären Entwurf vor: Anstelle der bis dato
üblichen, meist hölzernen Tafeln oder Pfähle verschließt eine
Walze aus Stahl die Wehröffnung. 18 Meter lang und 72 Tonnen
schwer ist dieser Verschluss aus massiven, vernieteten Stahlble-
chen. Die Walze bildet übrigens kein geschlossenes Rohr, son-
dern reicht mit einer Art Schnabel bis auf die Wehrsohle hinab,
wo sie dicht abschließt. Bei Bedarf, etwa bei Hochwasser, kann
sie über Stahlseile und Zahnstangen nach oben gehoben wer-
den. In den ersten Jahren wurde diese Arbeit mit Muskelkraft
verrichtet. Zwölf Männer kurbelten drei Stunden, um die Walze
fünf Meter anzuheben. Heute kommen hier zwei Elektromo-
toren zum Einsatz. Im Anschluss an den erfolgreichen Proto-
typen baute man 1903 in Schweinfurt ein Walzenwehr für den
Hauptarm des Mains. Es wurde zum Vorbild für Hunderte von
Anlagen auf der ganzen Welt. Im Zuge des Mainausbaus in den
1960er-Jahren wurde dieses Wehr im Hauptarm erneuert, heute
erinnert ein denkmalartig aufgestellter Abschnitt an der Main-
promenade daran. Der Prototyp dagegen ist noch in Betrieb. In
seiner Nähe führen heute drei Brücken über die Arme des Mains.
Am besten sieht man das ehrwürdige Denkmal von der kleins-
ten Brücke aus, die zur Cramermühle auf der Maininsel führt.
Ist man vor Ort, sollte man aber auch nicht versäumen, von der
Aussichtskanzel der Maxbrücke einen Blick auf den Saumain zu
werfen. Die wuchernde Wildnis dieses Naturschutzgebiets lässt
erahnen, welche Vielfalt an Pflanzen, Insekten und Vögeln hier
eine Heimat gefunden hat.
Rundgang „Fluss und Fleiß“ in Schweinfurt beimMuseums-Service
MuSe, Tel. 09721 514744
Auch unser letztes Ziel in Unterfranken liegt am Main, reprä-
sentiert aber ein gänzlich anderes Thema. Am Ortsrand von
Homburg im Landkreis Main-Spessart wird seit 200 Jahren
Papier geschöpft. Seit 1853 ist die
Papiermühle Homburg
im
Besitz der Familie Follmer, derzeit führt Johannes Follmer in
fünfter Generation die Geschäfte. In seiner Papiermanufaktur
fertigt er feine Büttenpapiere und lässt sich dabei gerne über die
Schulter sehen. Das historische Mühlengebäude beherbergt seit
1997 ein Museum, das dem Leben und Arbeiten der Homburger
Papiermacher gewidmet ist. Dessen Stärke liegt in einem beson-
ders hohen Maß in der Authentizität. In allen Räumen zeigt das
200 Jahre alte Fachwerkhaus Spuren seiner Nutzung als Produk-
tionsstätte. Mit der originalen Ausstattung an Maschinen und
Geräten verbinden sie sich zu einer einzigartigen Atmosphäre.
Die unteren Geschosse zeigen die Aufbereitung des Rohstoffs
Das Walzenwehr in Schweinfurt schließt den Hauptmain gegen den Saumain ab. Es wurde
1901 von der MAN gebaut und beweist seit 111 Jahren die Funktionstüchtigkeit dieses
damals völlig neuartigen Wehrtyps.
In den Dachböden der Papiermühle Homburg wurden die
handgeschöpften Bogen zum Trocknen aufgehängt.