Seite 114 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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später noch immer technologisch und wirtschaftlich überzeu-
gend ihren Dienst tun, spricht für die damals praktizierte Aus-
legung technischer Anlagen. Die Stromproduktion des Kraft-
werks Klingenberg mit 30 Megawatt Leistung entspricht dem
Bedarf von 66000 Haushalten. Sowohl das Kraftwerk als auch
das Wehr- und Schleusenbauwerk können nach Voranmeldung
besichtigt werden. Anschließend sollte man nicht versäumen,
dem Städtchen Klingenberg einen Besuch abzustatten. Der
Wohlstand, den die Gemeinde mit ihrem Tonbergwerk erwirt-
schaftete, lässt sich an stattlichen Bürgerhäusern, am Rathaus
und am Stadtschloss ablesen. Zum Ausklang des Besuchs bietet
sich eine Verkostung des bekannten Rotweins an, im Herbst am
besten in einer der typisch fränkischen Häckerwirtschaften.
Schleuse: Tel. 06021 3850,
wsa-aschaffenburg@ wsv.bund.de
Kraftwerk: Tel. 0170 4514955
Stadt und Wein: www.klingenberg-main.de
Das nächste Objekt liegt mainaufwärts, am Maindreieck im
Landkreis Kitzingen. Es berichtet aus der Zeit vor dem gro-
ßen Flussumbau. Ein kurzer Stichkanal führt in der Gemeinde
Marktsteft vom Main zum Ortskern. Man muss schon wissen,
dass es sich bei dem unscheinbaren Bauwerk um den
Hafen
von Marktsteft
handelt, wo vor 250 Jahren geschäftiges Trei-
ben herrschte. Der historische Hafen liegt mitten in der Ort-
schaft an der Unteren Maingasse, zwischen der Schrannen- und
der Sammetgasse. Im 18. Jahrhundert war er ein Tor zur Welt.
Bekanntlich bildete das heutige Deutschland damals einen bun-
ten Flickenteppich politischer Herrschaften. Marktsteft gehörte
dem Markgrafen von Ansbach. Der Bau eines Hafens am Main
sicherte der Markgrafschaft ab 1701 einen Anschluss an die
Weltmeere – und damit gute Geschäfte. Marktsteft wurde, so un-
wahrscheinlich das heute klingt, zum Umschlagplatz für inter-
nationalen Handel. Waren, die über Rhein und Main ins Inland
kamen, verlud man hier auf Fuhrwerke. Umgekehrt gingen von
hier aus landwirtschaftliche Produkte in den Fernhandel. 1733
fasste man das Hafenbecken mit den
heute noch vorhandenen Sandsteinqua-
dern, 1751 errichtete man ein Lagerhaus
und 1764 einen Kran, dessen achteckiger
Unterbau ebenfalls heute noch steht. Karl
Wilhelm Friedrich von Ansbach, genannt
der Wilde Markgraf, regierte von 1723
bis 1757. Er hielt einen prunkvollen Hof-
staat, baute Schlösser und Kirchen, ging
exzessiv seiner Jagdleidenschaft nach
und hinterließ seinem Sohn eine enorme
Schuldenlast. Christian Friedrich Karl
Alexander von Ansbach sah schließlich
nur einen Ausweg. Als England ab 1775
Truppen anwarb, um seine Kolonien im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg
zurückzugewinnen, schickte der Mark-
graf mehr als 1000 seiner männlichen
Einwohner vom Hafen Marktsteft aus in
die USA. Zu dieser Zeit wurden Main-
schiffe übrigens meist gesegelt. Rund 150
der Männer verloren in den Kämpfen
ihr Leben, etwa 250 blieben in den USA und 600 kehrten nach
einigen Jahren zurück. Unter den Auswanderern in die Neue
Welt war dem Vernehmen nach ein Herr Wöllwarth, der seinen
Namen in der neuen Heimat in Woolworth abwandelte – der
Urahn der bekannten Kaufhauskette. Einige Jahre später wurde
der Marktstefter Hafen preußisch. Der Markgraf war den Schul-
den nicht Herr geworden und hatte sein Imperium kurzerhand
gegen eine auskömmliche Leibrente verkauft. Während der
napoleonischen Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte
Marktsteft mit seinemHafen noch einmal eine kurze wirtschaft-
liche Blüte. Aufgrund der so genannten Kontinentalsperre lie-
ferten englische Firmen ihre Exportwaren über Rhein, Main
und Donau in Richtung Konstantinopel, das heutige Istanbul.
In Marktsteft wurden diese Erzeugnisse auf Pferdefuhrwerke
verladen und auf dem Landweg über Nürnberg zur Donau
gebracht, wo man sie wieder einschiffte. In der industriellen Zeit
Von der Alten Schanze blickt man über das Städtchen Klingenberg hinweg auf die Staustufe
aus dem Jahr 1930. Das Kraftwerk und die mächtige Kammerschleuse, hier im Hintergrund,
säumen die dreiteilige Wehranlage.
Im Hafen von Marktsteft lagen vor 250 Jahren die Mainsegler. Hier
wurden Waren umgeschlagen für den internationalen Handel, hier
wurden Soldaten eingeschifft, um im amerikanischen Unabhängig-
keitskrieg für England zu kämpfen.