Seite 113 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEKULTUR ENTDECKEN
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er folgende Beitrag lädt ein zu einer Reise durch Bayern
auf den Spuren des industriellen Zeitalters. Bayern besitzt
ungefähr 2200 Denkmäler der Technik und Indus-
trie. Dazu kommen zahllose Anlagen in Betrieb, ein-
schlägige Museen sowie Bräuche und Traditionen, die das
charmante Etikett „Industriekultur“ verdienen. Im Zuge der
Industrialisierung entstanden landauf, landab neue Anlagen,
Bauwerke und Kulturlandschaften. Baumeister und Techniker
des industriellen Zeitalters standen vor der Herausforderung,
diese oft völlig neuartigen Objekte zu gestalten. Ausgehend
von traditionellen Bauformen und Methoden, entwickelten sie
dazu eine eigenständige Ästhetik, meist orientiert am Zweck
der Einrichtungen. Mit einem topografischen und thema-
tischen Streifzug zu rund 30 exemplarischen Schauplätzen wird
im Folgenden die Vielfalt dieser industriekulturellen Überlie-
ferung vorgestellt. Die Reise mäandert von Nordwesten nach
Südosten durch die sieben bayerischen Regierungsbezirke und
widmet sich in jedem Bezirk einer Branche oder einem The-
ma. Weil aber jeder der Bezirke eine breite Palette industrieller
Traditionen aufzuweisen hat, wird diese Auswahl jeweils durch
ein Beispiel aus einer ganz anderen Sparte ergänzt. Vorgestellt
werden Denkmäler und Museen, Einrichtungen der Infrastruk-
tur, Produktionsanlagen und Kulturlandschaften mit ihrer je-
weiligen Geschichte und Informationen zur aktuellen Situation
vor Ort. Industrielle Verfahren ermöglichten die preisgünstige
Serienproduktion von Waren, die standardisierte Abwicklung
von Dienstleistungen, die effiziente Gewinnung von Rohstoffen.
All dies brachte breiten Schichten der Bevölkerung Wohlstand
undKomfort – einstige Luxusgüter wurdenGemeingut. Seit eini-
ger Zeit wissen wir aber auch um die ungeahnten und ungewoll-
ten Nebenwirkungen. Die Spurensuche lädt auch dazu ein, über
diese Ambivalenz der Industrialisierung nachzudenken.
Industriekultur entdecken – eine Reise
durch Bayern
Anita Kuisle
Unterfranken
Die Bayerische Landesausstellung des Jahres 2013 erzählt unter
demMotto „Main und Meer“ Geschichten vomWasser und dem
Verhältnis der Bayern zu diesem Element. Was liegt näher, als
unsere Tour der Industriekultur ebenfalls entlang des Mains zu
beginnen? Am unterfränkischen Beispiel soll hier die Kunst des
Wasserbaus vorgestellt werden. Wie alle Flüsse in Deutschland
ist auch der Main heute ein gezähmtes und gebändigtes Gewäs-
ser. Neben dem Schutz vor Hochwasser war es insbesondere
der Jahrhunderte währende Traum vom Wasserweg zwischen
den Meeren im Norden und im Süden, der den Wasserbau am
Main beflügelte. In seinem unterfränkischen Abschnitt ist er seit
1962 durchgehend zur Bundeswasserstraße ausgebaut. Hier ver-
kehren heute Schiffe in Schubverbänden mit bis zu 185 Metern
Länge.
Welche technischen Einrichtungen dieser Ausbau erforderte,
lässt sich gut an der
Staustufe Klingenberg
im Landkreis Mil-
tenberg bei Mainkilometer 113 studieren. Im Jahr 1883 hatte der
Ausbau des Mains zur Wasserstraße begonnen. Dies erforderte
eine kontrollierte Wassertiefe zwischen Bamberg und Mainz.
Man erreichte sie, indemman den freien Fluss des Wassers durch
eine Abfolge von 34 Staustufen ersetzte. Klingenberg, Staustufe
Nr. 25, liegt im dritten Bauabschnitt zwischen Aschaffenburg
und Würzburg, der in den Jahren 1926 bis 1941 realisiert wurde.
Der Zeit entsprechend wurden die Flussbauwerke hier in der
funktionalen Formensprache des Bauhauses ausgeführt. In Klin-
genberg hat sie sich bis heute unverfälscht erhalten. Die Staustufe
umfasst eineWehranlage, eine Boots- und eineKammerschleuse,
eine Fischtreppe und ein Kraftwerk. Die Wehranlage besteht aus
drei walzenförmigen Toren aus Stahl, die zwischen imposanten
Pfeilern aus Beton im Fluss liegen. Sie stauen den Main auf mehr
als neun Kilometern Länge, die Fallhöhe in Klingenberg beträgt
vier Meter. Links im Fluss liegt die große Kammerschleuse mit
300 Metern Länge und 12 Metern Breite. Im April 2012 wurden
die Tore dieser Schleuse erneuert. Für den Einbau der 6,70 Me-
ter hohen Kolosse musste die Schifffahrt auf dem Main für
mehrere Wochen unterbrochen werden. Das Fließwasser, das
nicht zum Schleusen benötigt wird, treibt im Kraftwerk auf
der rechten Flussseite zwei Kaplanturbinen. Das sind jene den
Schiffsschrauben ähnlichen Gebilde, die der Österreicher Viktor
Kaplan entwickelte und die ab 1913 rasch zum Standard großer
Flusskraftwerke wurden. Die Staustufe Klingenberg ging 1930
in Betrieb. Zu diesem Zeitpunkt repräsentierten sowohl die Tur-
binen als auch die damals noch neue Technik der Walzenwehre
moderne Technik. Dass Turbinen und Wehre mehr als 80 Jahre