Seite 11 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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hundert sollten dann die Pechkohlelager sowie die Erdöl- und
Erdgasvorkommen des Alpenvorlandes wichtig werden.
Andere Verhältnisse herrschten in der Pfalz, die von 1816 bis
1945 zu Bayern gehörte. Sie wird durch den von Nord nach Süd
verlaufenden Mittelgebirgszug der Hardt halbiert. Östlich davon
lag eine fruchtbare, intensiv landwirtschaftlich genutzte Ebene,
deren Zentrum das am Rhein gelegene Speyer bildete, Sitz der
Kreisregierung. Wein, Getreide und Tabak wurden hier in einem
solchen Umfang erzeugt, dass sie in größeren Mengen exportiert
werden konnten. Im Westen lag ein stark bewaldetes Berg- und
Hügelland mit weiten Talmulden, dessen Zentrum Kaiserslau-
tern war. An der Westgrenze, die im heutigen Saarland verlief,
gab es große Kohlelager, zudemverfügte die Pfalz über eine Reihe
weiterer Bodenschätze.
Die natürlichen Voraussetzungen für die Industrialisierung
waren in Bayern somit sehr unterschiedlich. Das galt auch für
die in der ersten Phase besonders wichtigen Bodenschätze. Vor
allem mit Eisenerz und Kohle war das rechtsrheinische Bayern
nur spärlich gesegnet. Größere Eisenerzvorkommen gab es nur
in der Oberpfalz, die anderen waren zu klein, um eine wichtigere
Rolle spielen zu können. Kohle kam im rechtsrheinischen Bayern
fast nur in Form von Braunkohle vor. Am hochwertigsten war
die Pechkohle, deren größte Vorkommen sich im Voralpenland
fanden, aber auch diese konnte aufgrund des zu geringen Koh-
lenstoffgehalts nicht verkokst werden. Deutlich geringeren Ener-
giegehalt besaß die Braunkohle, deren größte bayerische Lager-
stätten in der mittleren Oberpfalz lagen. An Steinkohle dagegen
gab es im rechtsrheinischen Bayern nur sehr kleine Lager in
Franken und in der Oberpfalz; ergiebige Steinkohlevorkommen
hatte die Pfalz aufzuweisen.
Anders sah es bei den Erden und Steinen aus. Weit verbreitet war
gute Tonerde, bei Passau gab es ein bedeutendes Grafitlager, in
der Oberpfalz und in Oberfranken Kaolin, den Grundstoff für
die Porzellanfabrikation, und Quarz, den Rohstoff für die Glas-
herstellung. In den Gebirgen Nord- und Ostbayerns wurden an
zahlreichen Orten Granit und andere Steine gebrochen, ebenso
Dolomit, den man zur Herstellung von Kalk und Zement benö-
tigte. Das Salz erhielt als Rohstoff für die chemische Industrie
eine zusätzliche, rasch wachsende Bedeutung und dies galt auch
für manch andere Mineralien. Von nicht zu unterschätzender
Bedeutung war Bayerns Waldreichtum. Holz stand in größeren
Mengen und zu vergleichsweise günstigen Preisen zur Verfü-
gung. Weitaus wichtiger wurde allerdings in der Folge die gleich-
falls in großer Fülle vorhandene Wasserkraft. Diese hatte man
zwar schon in vorindustrieller Zeit vielfach genutzt, sie erwies
sich aber insbesondere nach der Erfindung des Generators, mit
dem man die Wasserkraft in elektrische Energie umwandeln
konnte, als bedeutende Energiequelle.
In der vorindustriellen Ära war das Rückgrat der gesamtenWirt-
schaft die Landwirtschaft, denn für die Erzeugung der Lebens-
mittel musste der bei Weitem größte Teil der Produktivkräfte
eingesetzt werden. Für deren Bedarf arbeitete direkt und indirekt