Seite 108 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

Basic HTML-Version

106
BAYERN UND SEINE INDUSTRIEDENKMÄLER
Industrien nach wie vor lebendig, nicht zuletzt wegen der bauli-
chen Zeugnisse, die sie hinterlassen haben. Industriedenkmäler
sind also Anhaltspunkte, Kennzeichen für bestimmte Regionen.
Sie erinnern an wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang, an
Entwicklung und Fortschritt. Aus ihrer identitätsstiftenden Be-
deutung leitet sich nicht zuletzt der Auftrag ab, solche Gebäude,
wo immer es geht, zu erhalten.
WIE MAN INDUSTRIEDENKMAL WIRD:
DAS RADOM VON RAISTING AM AMMERSEE
Industrie und Denkmal: Ist das nicht ein Widerspruch? Zerstört
nicht die Industrie unsere Denkmallandschaft? Sind Industrie-
bauten nicht allesamt unansehnlich?
Hätte es vor 60 Jahren schon ein Denkmalschutzgesetz gegeben,
wäre dann das Radom von Raisting wegen seiner Nähe zum
Wallfahrtskirchlein überhaupt genehmigungsfähig gewesen?
Und heute soll es ein Denkmal sein? An diesem Beispiel wird
unmissverständlich klar, worum es geht: Das 1964 von dem
Architekten Hans Maurer im Auftrag der Deutschen Bundes-
post geschaffene Radom ist eine Inkunabel der Kommunika-
tionstechnologie. Als 1973 das Bayerische Denkmalschutzgesetz
in Kraft trat, war die Satellitenantenne gerade sieben Jahre alt
und voll in Funktion. Das Radom war eine bemerkenswerte Stö-
rung der Kulturlandschaft im Voralpenland – es war Teil der
Gegenwart und nicht Zeugnis einer vergangenen Zeit, wie das
Denkmalschutzgesetz es für Denkmäler fordert.
Die Zeiten waren es, die sich änderten, nicht das Radom – und
nicht die Anforderungen des Bayerischen Denkmalschutzge-
setzes: Im Jahr 1999 gehörte das Radom der vergangenen Zeit
der analogen Kommunikationstechnologie an. Es galt nun, nach
40 Jahren, als einzigartiges Zeugnis für dieAnfänge der satelliten-
gestützten Nachrichtenübermittlung. Das Bayerische Landes-
amt für Denkmalpflege hat das Radom deshalb in die Denkmal-
liste eingetragen. Und: Das Bild des kleinen Kirchleins mit der
riesigen Antenne, die längst außer Funktion ist, wurde die Ikone
für den Aufbruch Bayerns ins Kommunikationszeitalter und für
die zweite industrielle Revolution. Geschichte wird hier plötzlich
begreifbar und begriffen.
Das Bayerische Denkmalschutzgesetz von 1973 steht für einen
„demokratischen“ Denkmalbegriff: Es geht um den Zeugniswert
für das Leben, das Arbeiten, das Wohnen, das Schaffen, auch für
die Schuld und das Leid aller gesellschaftlicher Schichten. Auf
diese Weise haben neben Kirchen, Schlössern und Patrizier-
häusern auch Bauernanwesen und Mühlen, Arbeitersiedlungen,
Bahnhöfe, Hafenanlagen, Brücken, Bunker, Konzentrations-
lager den Anspruch, erhalten zu werden.
Gerade im Zusammenhang mit Industriebauten sind vier, wenig
bekannte, Merkmale des zeitgemäßen Denkmalschutzes wich-
tig: Denkmäler müssen nicht schön sein. Sie müssen keinem
landläufigen und zeitgebundenen geschmacklichen Ideal ent-
sprechen. Denkmäler müssen auch nicht „alt“ sein. Wichtig ist,
dass ein Denkmal in einer abgeschlossenen Epoche entstand
wie beispielsweise die Olympiabauten in München in der Zeit
der „alten“ Bundesrepublik. Der Denkmalschutz stülpt keine
Käseglocke über die Denkmäler; sie dürfen, ja sollen umge-
nutzt, umgebaut und verändert werden, wenn ihr Zeugniswert
dabei erhalten bleibt. Und schließlich: Es ist erwiesen, dass es
oft kostengünstiger ist, Denkmäler instand zu setzen und ihnen
eine andere Nutzung zu geben, als sie abzubrechen und ein neues
Gebäude zu errichten.
INDUSTRIE IN BAYERN – EINE ZEITREISE
Die Industrialisierung in Bayern setzte um 1770 ein, und zwar
in Augsburg und in Nürnberg: Stadtbäche lieferten dort Was-
serkraft, das Handwerk war hoch entwickelt, Arbeitskräfte,
Banken und Handelswege standen zur Verfügung. In Augsburg
Das Radom in Raisting