Seite 107 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

Basic HTML-Version

BAYERN UND SEINE INDUSTRIEDENKMÄLER
105
Bayern ist eines der denkmalreichsten Länder in der Bundesre-
publik Deutschland. Etwa 114 000 Baudenkmäler zählen wir von
Aschaffenburg bis Berchtesgaden, von Lindau bis Hof. Ungefähr
2200 davon sind Industriedenkmäler. Die Statistik scheint die
verbreitete Ansicht zu untermauern, Bayern sei bis in die Zeit
von Ministerpräsident Franz Josef Strauß hinein ein Land der
Bauern und des Königlich Bayerischen Amtsgerichts gewesen.
Weit gefehlt! In Bayern fuhr 1835 die erste Eisenbahn in Deutsch-
land; die Eisenbahn wiederum bedeutete das Ende des ebenfalls
bayerischen Kanalprojekts vom Rhein zur Donau. Die Produkte
der bayerischen Textil-, Porzellan- und Schwerindustrie genos-
sen im 19. und 20. Jahrhundert Weltruf. Die U-Bahn von New
York rollte auf Schienen aus der oberpfälzischen Maxhütte,
ein Tafelservice von Rosenthal in Selb und eine Weltrekord-
lokomotive der Münchner Firma Krauss-Maffei setzten Maßstä-
be, ebenso die Biere aus den Münchner, Nürnberger und Kulm-
bacher Großbrauereien.
Diese Zeiten sind vorbei. Aber es gibt Zeugen, die – unüberseh-
bar und für jeden verständlich – die große Geschichte dieses
Zeitalters erzählen: Bayerns Industriedenkmäler. Die Industria-
lisierung prägte Bayern vor allem im 19. und 20. Jahrhundert, als
das Land in einer Weise umgestaltet wurde, wie in den voran-
gegangenen Jahrhunderten zusammengenommen nicht. Dies
bezog sich nicht nur auf die gebaute Umwelt: Alle Bereiche der
Kultur, der Technik, des geistigen Lebens, des Alltags, der Mobi-
lität waren betroffen. Wenngleich die industrielle Prägung in
Bayern bei Weitem nicht so in die Tiefe und in die Breite ging
wie beispielsweise in Sachsen, dem Saarland oder in Nordrhein-
Westfalen, so hat sie doch eine Vielzahl bemerkenswerter Bauten
hinterlassen. Diese Industriebauten sind in der Regel robust und
belastbar – und somit hinsichtlich neuer Nutzungen flexibel.
Zudem sind sie nicht selten von einer hohen städtebaulichen und
architektonischen Qualität.
Bestimmte Industrien haben ganze Regionen Bayerns geprägt
und Identitäten geschaffen. Dazu zählen die Glasproduktion im
Bayerischen Wald, die Porzellanmanufakturen in Oberfranken
und die Spinnereien und Webereien in Schwaben. Die Schick-
sale vieler Generationen von Arbeitnehmern hingen an diesen
Betrieben, von denen die meisten heute nur noch Erinnerung
sind. Kurz vor dem Ende der Maxhütte meinte ein Journalist zu
einem „Maxhütterer“: „Vergessen Sie die Maxhütte!“ Entrüstet
gab der Arbeiter zurück: „Vergessen? Wie stellen Sie sich das
vor? 30 Jahre habe ich dort gearbeitet!“ Damit ist alles gesagt: Im
kollektiven Gedächtnis der Menschen sind die untergegangenen
Die ehemalige Brauerei Peschl in
Passau vor und nach dem Umbau
für eine Wohnnutzung