Seite 105 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VILLEN UND FERIENHÄUSER
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HÄUSERGESCHICHTEN
Im Jahr 1922 entdeckten Dr. Fritz Behr-Heyder, deutscher Kon-
sul in Kolumbien, und seine Frau Johanna auf der Münchner
Gewerbeschau das von Richard Riemerschmid entworfene
Modell eines Holzhauses mit zwei Stockwerken und ausbau-
barem Dachgeschoss, das unter der Bezeichnung „Typ 36a“ in
Serie gehen sollte. Behr-Heyder bestellte bei den Deutschen
Werkstätten den aus vielen hundert Einzelteilen bestehen-
den Bausatz des Holzhauses, das 1923 in Rodenkirchen bei
Köln errichtet wurde. Der Bauherr starb noch vor Fertig-
stellung des Hauses, seine Witwe bezog „Haus Sonnenblick“
mit den vier Kindern und veränderte zeit ihres Lebens nichts
daran. Nach ihrem Tod 1978 lagerte ein Sohn das wieder in
seine Einzelteile zerlegte Bauwerk auf seinem Hof bei Lever-
kusenein.Die imRahmeneinerDiplomarbeit erfolgteDokumen-
tation des Bestands, darunter originale Bodenfliesen, Kacheln,
Öfen und Gardinenstangen, ergab, dass rund 90 Prozent der
etwa 4000 Einzelstücke unbeschadet erhalten geblieben sind. Im
Jahr 2004 ließ eine Enkelin der Erbauer das bereits 1984 in die
Denkmalliste des Landes Nordrhein-Westfalen aufgenommene
Fertighaus in ihre Heimat Simbach in Niederbayern transferie-
ren und dort wieder aufbauen. Das Haus, das – entgegen den
ursprünglichen Plänen – nie in Serie gegangen war, ist nicht
bewohnt, steht aber Interessierten zur Besichtigung offen.
DAS „HÄUSL”
Auch das Fertighaus der Familie Siegel ist aufgrund der von den
Behörden erwirkten Änderungen vermutlich ein Einzelstück
geworden. Bis 1938 verbrachte die jüdische Familie lange Som-
mermonate und viele Wochenenden in Walchensee. Nach dem
Novemberpogrom mussten die Siegels, nach anonymen Mord-
drohungen, ihr „Häusl“, wie es bis heute in der Familie liebe-
voll genannt wird, aufgeben und weit unter Preis verkaufen. Die
Eltern konnten 1940 Deutschland verlassen und wanderten nach
Peru aus. Die Tochter war mit einem Kindertransport und der
Sohn mit einem Studienvisum im Frühjahr 1939 nach England
gekommen. Nach dem Krieg bot der neue Eigentümer Michael
Siegel an, den Differenzbetrag zum eigentlichen Wert des
Grundstücks zu bezahlen – eine Geste der Wiedergutmachung,
die Michael Siegel zwar nicht annahm, die ihn aber tief beein-
druckte. Das Holzhaus war inzwischen einem für das ganzjäh-
rige Wohnen geeigneten gemauerten Bungalow gewichen. Seit
2008 erinnert eine Gedenktafel in der Kirche St. Ulrich an die in
Walchensee seinerzeit so angesehene jüdische Familie.
Quellen und Literatur
Staatsarchiv München, Baupläne Tölz 1925/243 und 1926/59
Riemerschmid, Richard: Holzhäuser, in: Monatshefte für Baukunst und
Städtebau 16 (1932), S. 533–536; Bauer, Hans-Ulrich: Holzhäuser aus Wol-
gast. Ikonen der Bäderarchitektur, Teil I, Usedom 2010; Bundesverband
Deutscher Fertigbau e.V. (Hg.): 80 Jahre moderner Fertigbau, Bad Hon-
nef 2007; Nathan, Carola: Zerlegt und auf die Reise geschickt. Riemer-
schmids Fertighaus in Simbach, in: Monumente Online. Magazin der Deut-
schen Stiftung Denkmalschutz, www.monumente-online.de/08/02/streif-
lichter/05_Haus_Sonnenblick.php (Stand 28. 8. 2012); Nerdinger, Winfried
(Hg.): Richard Riemerschmid. Vom Jugendstil zum Werkbund. Werke und
Dokumente. Eine Ausstellung der Architektursammlung der Technischen
Universität München, des Münchner Stadtmuseums und des Germani-
schen Nationalmuseums Nürnberg, München 1982, S. 432–434; Sinclair, H.
Peter: Von Siegel zu Sinclair: Eine jüdische Familiengeschichte unserer Zeit,
in: www.rijo.homepage.t-online.de/pdf/DE_MU_JU_sinclair_peter.pdf
(Stand 17. 9. 2012); Wüllenkemper, Maria: Richard Riemerschmid, Regens-
burg 2009
Das nach Niederbayern transferierte „Haus Sonnenblick“ aus Rodenkirchen/Köln
Detail der durchkomponierten Innenausstattung des
Hauses „Sonnenblick“