Seite 102 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VILLEN UND FERIENHÄUSER
entwickelten Modells gestaltete sich unerwartet schwierig, ob-
wohl bereits Häuser dieses Bautyps am Ammersee errichtet
worden waren. Grund für die Ablehnung des Bauantrags durch
das Bezirksamt Tölz war das von Riemerschmid vorgesehene
Flachdach. Das Amt stützte sich dabei auf ein Gutachten des
Bayerischen Landesvereins für Heimatschutz, der die heimi-
sche Bauweise durch diese „Barackentechnik“ bedroht sah. Der
1902 als Verein für Volkskunst und Volkskunde unter anderem
von dem bedeutenden Münchner Architekten Gabriel von Seidl
gegründete Verein – ab 1916 Bayerischer Landesverein für Hei-
matschutz – heißt seit 1945 Bayerischer Landesverein für Hei-
matpflege e.V. Zu seinen Aufgaben zählt heute die allgemeine
Heimatpflege, darunter die Beratung von Bauherren und Archi-
tekten bei der Planung von Neubauten und der Sanierung von
Gebäuden mit historischer Substanz.
Michael Siegel ließ den Plan von seinem Architekten ändern.
Der neue Entwurf sah neben einer reicheren Fassadengliederung
einenDachvorbau sowie ein leicht geneigtes Dachmit zwei Kami-
nen vor. In einem Begleitschreiben wies Siegel darauf hin, dass
„alte bayerische Häuser aus dem achtzehnten Jahrhundert genau
denselben Stil haben wie der Typ meines Blockhauses, insb. auch
keine Giebeldächer sondern das unsteile Dach“. Bezirksamt und
Regierung von Oberbayern gaben sich jedoch nicht zufrieden
und Riemerschmid änderte den Bauplan ein weiteres Mal. Das
Haus bekam nun, wie gewünscht, ein Steildach und auch die
ursprünglich vorgesehenen Eternitplatten mussten durch engo-
bierte Ziegel ausgetauscht werden. Die gerichtliche Auseinander-
setzung zog sich ein Jahr lang hin, 1926 konnte das Fertighaus
dann innerhalb einer Woche aufgestellt werden. Bezirksamt,
Landesverein und Regierung von Oberbayern hatten sich wenig
beeindruckt gezeigt vom Bekanntheitsgrad des Architekten, der
zu dieser Zeit Vorsitzender des Deutschen Werkbunds (1921 bis
1926) war, Teilnehmer an drei Weltausstellungen (1900 in Paris,
ausgezeichnet mit einer Goldmedaille, 1904 in St. Louis, 1910 in
Brüssel), Planer und Erbauer der Gartenstadt Hellerau in Dres-
den (1907 bis 1913), der Gartenstadt in Nürnberg (1909 bis 1913)
sowie des Schauspielhauses in München (1900/01).
„VOM PRAKTISCHEN BAUEN UND SONNIGEM WOHNEN“ –
DIE ANFÄNGE DER FERTIGBAUWEISE
Eines der ersten Fertigwohnhäuser gab es auf der Weltausstel-
lung 1893 in Chicago zu sehen: ein zerlegbares, transportables
Haus des Berliner Architekten Johannes Lange, hergestellt von
der Wolgaster Actiengesellschaft für Holzbearbeitung. Oscar
Das Siegel’sche Ferienhaus im ursprünglichen Plan, „in Bau“ und in sommerlicher Pracht (im Vordergrund die Kinder Beate und Peter Siegel)
Das von Michael Siegel dem Gerichtsakt beigefügte Beispiel eines
Gebäudes mit Flachdach am Ammersee