Seite 100 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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JOHANNES HAAG
burg untypischer Baustil. Ausgestattet ist die Villa mit Terrazzo-
boden im Vestibül, mehrfarbigen Marmorsäulen, Spiegelgewöl-
be sowie Kassettendecken. Haags Schwiegersohn August Reimer
ließ das Gebäude um 1890 vergrößern und innen künstlerisch
neu gestalten. Die Haag-Villa ist heute im Besitz der Stadtwerke
Augsburg und wird nach einer Sanierung ab 2013 vermietet.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Villenbaukultur
einen wahren Boom. In dieser Zeit, als sich Berufs- und Privat-
leben immer mehr zu trennen begannen, wurde das Wohnhaus
zum Rückzugsort in das Private, auch wenn bisweilen die räum-
liche Nähe der Unternehmervilla zum Produktionsbetrieb gege-
ben war. Der allgemeine Trend, Wohnsitze in der Innenstadt
aufzugeben und an den Stadtrand zu verlegen, ließ ausgedehnte
Villenkolonien entstehen, die Vorstadtvilla wurde zum reprä-
sentativen Wohnsitz vermögender Familien.
Fabrikantenvillen aus dieser Zeit sind – so auch die Villa von
Johannes Haag – monumentale Bauwerke. Die aufwändige Au-
ßengestaltung und reiche Innenausstattung verwiesen auf die
Finanzkraft und die gesellschaftliche Stellung des Eigentümers.
Obgleich die Bauherren ihr Kapital im Zuge des industriellen
Fortschritts erwirtschaftet hatten, bevorzugten sie in Architek-
tur und Gestaltung ihrer Villen historische Vorbilder, wie sie sie
insbesondere beimAdel fanden. Auch in der Aufteilung der Räu-
me spiegelte sich „aristokratischer“ Lebensstil wider. Die Räu-
me im Erdgeschoss, die Eingangshalle mit meist großzügigem
Treppenaufgang, der Salon, das Musik- und Herrenzimmer, die
Bibliothek waren für den Empfang von Gästen und repräsenta-
tive Zwecke bestimmt; davon getrennt lagen im Obergeschoss
die privaten Zimmer der Familie. Die künstlerische Gestaltung
innen wie außen war aber auch Ausdruck einer ästhetischen
Haltung, die sich an schönen Dingen erfreut – Eindrücke von
Reisen zu historischen Bauwerken im In- und Ausland inspi-
rierten so manchen Bauherrn. Dem Gefallen am „Exotischen“
waren auch die beliebten Gewächshäuser geschuldet, die nicht
fehlen durften. Zur Haag-Villa gehörte ein stattlicher Winter-
garten, der zusammen mit Weiher, Bäumen und Wegen die
Parkanlage prägte. Während der Wintergarten 1951 abgerissen
wurde, ist die Einfriedung des Grundstücks noch im Original
erhalten. Johannes Haag kam nicht mehr lange in den Genuss
seiner Villa, er starb 1887, wenige Jahre nach Fertigstellung sei-
nes Anwesens.
Quellen und Literatur
Haag, Johannes: Neues Heißwasserheizungs- und Ventilations-System für
Wohngebäude und öffentliche Anstalten, in: Polytechnisches Journal 147,77
(1858), S. 268–270 und 105, S. 346–357; Johannes Haag. Maschinen- und
Röhrenfabrik Aktiengesellschaft. Augsburg, Berlin, Breslau, Danzig, Karls-
ruhe, Köln, Innsbruck, München, Wien. Gegründet 1843. Aelteste deutsche
Spezialfabrik für Zentralheizungs- und Lüftungsanalgen aller Systeme
und Grössen. Röhrenwerk, Röhrenverzinkerei, Kesselschmiede, Autogen-
schweisserei, Augsburg (1916)
Brönner, Wolfgang: Die bürgerliche Villa in Deutschland. 1830–1900,
Worms 2009; Germersheim, Barbara von: Unternehmervillen der Kaiser-
zeit (1871–1914). Zitate traditioneller Architektur durch Träger des indus-
triellen Fortschritts, Diss. München 1988; Hagen, Bernt von/Wegener-
Hüssen, Angelika: Stadt Augsburg, München 1994 (Denkmäler in Bayern.
Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland: Ensembles, Bau-
denkmäler, archäologische Denkmäler in Bayern, Bd. VII.83, hg. vom
Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege), S. 266–268; Häußler, Franz:
Die vielfältigen Spuren des Johannes Haag, in: Augsburger Allgemeine,
17.4.2009; Weißfloch, Leonhard: Johannes Haag (1819 bis 1887). Gründer
der deutschen Zentralheizungsindustrie, in: Kaufbeurer Geschichtsblät-
ter 8 (1978), S. 70–80