Seite 10 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
vorgegebenen Ablauf einzufügen hatten. Das verlangte von den
Beschäftigten eine strikte, vom Grundsatz her „unmenschliche“
Disziplin, denn anders als der Mensch kannte die Maschine kein
Ermüden. Und da Anlage und Betrieb einer Fabrik großes Kapi-
tal erforderten, das sich entsprechend rentieren musste, galt es,
möglichst schnell und ununterbrochen zu arbeiten. Zeit war ab
jetzt tatsächlich Geld und so bildete Disziplin zusammen mit
Gehorsam, Genügsamkeit, Pünktlichkeit und Sauberkeit den
Wertekodex der Industriegesellschaft. Deren Dreh- und Angel-
punkt aber wurde das Kapital. Eine möglichst hohe Rendite war
das Ziel jedes Unternehmens, egal ob der Eigentümer eine Per-
son oder eine Gesellschaft war. Das führte zu einer kontinuier-
lichen Akkumulation des Kapitals, das ständig neue Investiti-
onsmöglichkeiten suchte und so ein stetes Wirtschaftswachstum
generierte. Dies war nur möglich durch eine entsprechende Aus-
weitung des Absatzes, die vor allem durch das Bevölkerungs-
wachstum, verbunden mit dem Anstieg der Massenkaufkraft
verursacht wurde. Und so zählen Wirtschaftswachstum, Bevöl-
kerungszunahme, Steigerung der Massenkaufkraft und des
Lebensstandards breiter Schichten zu den Charakteristika des
Industriezeitalters.
DIE INDUSTRIALISIERUNG BAYERNS
Wie in fast ganz Europa lebte in Bayern zu Beginn des 19. Jahr-
hunderts der bei Weitem größte Teil der Bevölkerung auf dem
Land; auf sechs Menschen, die in Orten mit weniger als 2000
Einwohnern lebten, kam ein Stadtbewohner. Dabei gab es große
regionale Unterschiede: In Mittelfranken, Oberbayern, in der
Pfalz und auch in Schwaben war der Anteil der städtischen
Bevölkerung deutlich höher als in der Oberpfalz, in Oberfran-
ken, Unterfranken und vor allem in Niederbayern. Der Grund
dafür war insbesondere in den naturräumlichen Gegebenheiten
zu suchen. Weite Landstriche Bayerns boten für die Landwirt-
schaft und somit auch für die Besiedelung ungünstige Voraus-
setzungen. Wegen der hohen Kosten, die jeder Transport in vor-
industrieller Zeit verursachte, war eine Lebensmittelzufuhr in
solche Regionen nur beschränkt möglich. Sehr teuer war auch
die Ausfuhr von Rohstoffen oder gewerblichen Gütern, sodass
das Gewerbe dort nur wenigen Menschen Arbeit und Brot geben
konnte. Derartig ungünstige Verhältnisse herrschten vor allem
in großen Teilen Bayerns nördlich der Donau, das von Mittelge-
birgen geprägt wurde. Diese lieferten zwar Holz und mancherlei
andere Rohstoffe, ließen der Landwirtschaft aber wenig Raum.
Südlich der Donau dagegen erstreckte sich ein breiter Streifen
mit sehr fruchtbarem, stark besiedeltem Ackerland. Hier pro-
fitierte man zudem von der Donau, einer wichtigen Verkehrs-
ader, die den Westen Europas mit Südosteuropa verband. Wei-
ter südlich folgte eine Schotterebene mit fruchtbaren Tälern, die
gleichfalls stark besiedelt waren. Das Alpenvorland eignete sich
nicht für den Ackerbau, weshalb Viehwirtschaft und Forstwirt-
schaft vorherrschten. Von einiger Bedeutung waren auch hier
die Bodenschätze und vor allem das Salz. Im 19. und 20. Jahr-