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Wer ko, der ko - Süddeutsch und Bairisch

Das ist das selbstbewusste Motto unseres Heftes über ein Phänomen, das – schon als ewig gestrig abgetan – in letzter Zeit wieder mehr Interesse findet: der Gebrauch des Dialekts als gleichwertige Sprache. In rund 30 Beiträgen wird das Thema von allen Seiten beleuchtet und in seiner Vielgestaltigkeit vorgestellt – pro und kontra Dialekt, Literarisches und Alltägliches, Fachwissenschaftliches und allseits Bekanntes. Und in der Beschäftigung mit den Dialekten ist zugleich eine Liebeserklärung an Bayern entstanden: „Bei eich gfoits ma!“. Das schönste Bekenntnis zum bairischen Dialekt aber hat ein Grundschüler gegeben: Auf die Frage, warum er gern Dialekt spreche, antwortete er: „Weil`s schneller geht: Du schreibst Baum und sagst Bam.“

Das 120 Seiten starke Heft ist im Buchhandel erhältlich, in unserem Online-Shop oder telefonisch beim Haus der Bayerischen Geschichte: 0821 3295-0.



Themenschwerpunkte


  Bairisch ist Hochdeutsch - in gewisser Weise (Hans Ulrich Schmid)

Wenn heute jemand mit einem verächtlichen Unterton
sagt, ein Kollege, ein Bekannter oder sonst jemand könne kein Hochdeutsch, dann meint er vermutlich, der Betreffende spreche irgendeinen Dialekt oder Slang, auf jeden Fall ein unkorrektes Deutsch, das nicht das ist, was man von Leuten kennt, die tadelloses Deutsch sprechen. Nachrichtensprecher zum Beispiel oder Fernsehmoderatoren. Hochdeutsch ist in diesem landläufigen Verständnis ein Deutsch, das „hoch“ ist, und zwar vom Niveau her. Wer „hochdeutsch“ spricht, drückt sich so aus, wie man es von einem gebildeten Zeitgenossen erwarten darf. Dialektsprechen wird demgegenüber gerne als minderwertig gesehen. Das war aber nicht immer so ...
     
  Reste des Jiddischen im nördlichen Bayern (Alfred Klepsch)

Unter „Jiddisch“ wird gemeinhin die Sprache der Juden Osteuropas verstanden. Man kann das Jiddische mit Fug und Recht als selbstständige Sprache bezeichnen, denn es unterscheidet sich nicht nur im Wortschatz, sondern auch in der Aussprache, Grammatik und in seiner Schriftlichkeit (hebräische Schriftzeichen, eigene orthografische Regeln) erheblich vom gegenwärtigen Standarddeutschen. Sprachwissenschaftler von Salomo Birnbaum bis Uriel Weinreich haben im 20. Jahrhundert für das Jiddische ein Normensystem entwickelt, sodass eine dialektübergreifende Hochsprache entstand, ähnlich anderen normierten Sprachen wie Russisch, Polnisch, Deutsch oder Englisch ...
     
  Selbstbewusstes Schweizerdeutsch (Martin Hannes Graf)

Angesichts einer fast alle Lebensbereiche durchdringenden Globalisierung mag es als ein Luxus erscheinen, dass sich ein Land eine Sprache leistet, die so gar nicht global daherkommt, sondern, im Gegenteil, in ihrer archaischen und etwas provinziellen Anmutung wacker eine Position verteidigt, die in den meisten europäischen Sprachen längst
verloren ist. Das Schweizerdeutsche, Dialekt und Umgangssprache zugleich, ist seiner Natur und Geschichte nach keine Schriftsprache, sondern die in erster Linie gesprochene, die alltägliche, von jedermann verwendete Sprachform. Dieser Status macht es umso erstaunlicher, dass die daneben existierende Schriftsprache nicht die Führung übernimmt auf dem Weg in die globale Zukunft. Dabei ist die Schweiz kein von der Zivilisation überholtes Stiefkind der Weltgeschichte, auch hier gibt es eine urbane, internationalisierte Elite, die das Weltgeschehen mitprägt und von diesem tüchtig profitiert. Doch sie leistet sich eine Sprachsituation, deren sprachgeschichtliches Zustandekommen das eine ist, deren Überdauern jedoch das andere, Erstaunlichere …
     
  Mundart und Schule (Hermann Ruch)

Die Klage über die Bevorzugung der Standard- oder Hochsprache im Unterricht und damit einhergehend die Vernachlässigung der Mundart hat eine lange Geschichte. Bereits 1867 monierte der Lehrer und Sprachwissenschaftler Rudolf Hildebrand, dass den Dorfschullehrern das Hochdeutsche ihr „neues Latein“ geworden und dies eine Sprache sei, die vom Lehrer ebenso hoch bewertet wurde, wie sie den Schülern fremd sei. Seit Einführung der Allgemeinen Schulpflicht, in Bayern am 23. Dezember 1802, orientierten sich die Schulen mehr und mehr an einer Standardsprache. Dass bis weit in das 19. Jahrhundert hinein der überwiegende Teil der Bevölkerung dialektale Sprechweisen verwendete, konnte daran nichts ändern ...
     
Kontra Dialekt (gesammelt von Anthony Rowley)

Hochsprache ist elaboriert, Dialekt ist restringiert.
Dem Dialekt fehlen Wörter für wichtige Themen, über die man in der modernen Welt sprechen mochte. Er taugt also nicht für die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.
Mit dem Dialekt kann man die oft unabdingbare Distanz zum Gesprächspartner nicht zum Ausdruck bringen. Hochdeutsch ist die Sprache der herrschenden Schicht. Um zur herrschenden Schicht gehören zu können, muss man Hochdeutsch sprechen.
In unserer globalisierten Welt interessiert der Dialekt niemanden mehr, weil er keine Rolle spielt. Durch Dialektsprechen verrat man sogleich, wo man her ist. Das interessiert niemanden, deswegen sollte man es besser lieber gleich bleiben lassen. Weil man ohnehin immer so viel Schriftdeutsch verwenden muss, ist es besser, gleich dabeizubleiben, sonst kommt man nur durcheinander. Ich habe die ganze Volkstümelei satt und der Dialekt gehört dazu. Dialekt kann man gar nicht schreiben, also ist Schriftdeutsch einfach besser. Es beherrscht ohnehin niemand mehr den richtigen alten Dialekt, da sollten wir also alle gleich besser Hochdeutsch sprechen. Schriftdeutsch ist richtiges Deutsch, Dialekt ist fehlerhaftes Deutsch. Dialektanklänge sind somit Fehler und schlechtes Deutsch. Wer fehlerhaftes Deutsch spricht, muss selbst fehlerhaft entwickelt sein. Hochsprache ist schön, Dialekt ist hässlich. Es ist unhöflich, Dialekt zu sprechen. Das ist doch wie Kauderwelsch, wenn überall um einen herum Dialekt gesprochen wird. Man fühlt sich ausgeschlossen. Dialekt sprechen nur die ganz Alten. Dialekt sprechen nur die Bauern und die Unterschicht, das auch nur, weil sie es nicht besser wissen. Dialektsprecher klingen dumm, einfältig, hinterwäldlerisch. Dialekt sprechen nur die Leute vom Land, in der Stadt ist das fehl am Platz. Hochdeutsch ist die Sprache der Gebildeten. Dialekt ist nichts für kultivierte Menschen oder Intellektuelle. Im Dialekt artikuliert sich die ganze „Brutalität des Rustikalen“ (Theodor Adorno). Dialekt wirkt derb, grob, ungehobelt ...
     

Pro Dialekt. Antworten aus einer Umfrage unter GrundschülerInnen

„I red gern in der Mundart, weil …
… mia de Sprach guat g’foit
… mei Familie aa oft Boarisch redt und i mog ja Bayern
… i in Bayern leb
… i boarisch geborn bi
… da foit ma des Redn vui leichter
… Boarisch net so umstandli is
… es schneller geht (Du schreibst Baum und sagst Bam)
… es so cool ist
… i’s einfach mog
… es in Bayern jeder versteht
… i hobs so glernt, i kons ned anders
… ich Fremdsprachen nicht kann
… des woas i do net
… Boarisch g’foit ma und da Papa versteht dann ned ois, weil der ned boarisch spricht
… alle in meina Familie so red’n
… sich’s besser oheat ois Hochdeitsch“
     
     
     
     
     
     

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