HdBG : Das Klosterbuch
 
       
 
 
Darum prüft euch selbst! Für die Zeit eures Noviziats erwarten wir von euch, dass ihr euch genauestens in die klösterliche Ordnung fügt, ständig euer Gewissen überprüft, ob ihr nicht etwa Versuchungen erlegen seid, dass ihr bereit seid, euren Leib und eure Seele ganz in den Dienst Gottes zu stellen. Auch sollt ihr eure Kenntnis des Lateinischen vervollkommnen und durch fleißiges Studium mit der Bibel vertraut werden. Euer Tagesablauf ist euch genau vorgeschrieben. Der Hochwürdige Pater Novizenmeister wird ihn euch schildern."
""Ich lege Wert darauf", erklärt dieser, "dass der Tagesablauf aufs peinlichste eingehalten wird. Unpünktlichkeit und Schlamperei sind eines Mönches unwürdig. Also hört genau zu! Um halb vier werdet ihr geweckt. Eine Viertelstunde später beginnt der erste Teil des täglichen Chorgebets, die Matutin, die etwa eine Stunde dauert. Dann könnt ihr eure Zellen in Ordnung bringen, euch waschen und die Betten machen. Ein Viertel nach fünf versammelt ihr euch zur Meditation in der Kirche. Von sechs bis viertel nach sechs notiert ihr euch die Gedanken und Vorsätze, die ihr während der Meditation gefasst habt: ´ Wie kann ich die Sünde fliehen und das Laster ausrotten?
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Anschließend folgt die Prim. Danach habt ihr Zeit für theologische Studien bis acht Uhr. Zu dieser Stunde werde ich euch einen Vortrag halten über die Pflichten des Ordensstandes und des Gelübdes, das ihr in einem Jahr abzulegen wünscht. Zweimal wöchentlich werdet ihr ein öffentliches Bekenntnis eurer Schuld ablegen und dafür die Buße empfangen.
Um neun Uhr folgt dann die Terz mit der Messe und die Sext. Anschließend dürft ihr euch eine Viertelstunde erholen. Ein Laster abzustellen und eine Tugend zu erlernen ist das Ziel der inneren Sammlung, der ihr euch danach widmen sollt. Um halb elf, an Sonn- und Feiertagen um elf Uhr, gibt es dann die erste Mahlzeit des Tages, das Mittagessen. Ein Novize hat dabei die wichtigste Aufgabe: Er liest den Mönchen aus der Bibel, aus den Schriften der Väter oder aus gelehrten Abhandlungen vor, denn nie soll ein Mönch vergessen, dass seine Berufung eine Hinwendung zu Gott ist. Zwei weitere Novizen bedienen bei Tisch. Seid bescheiden und zufrieden mit dem, was ihr bekommt. Der Mensch lebt nicht, um zu essen, und schon gar nicht der Mönch.
Nach dem Dankgebet und der Non wird man euch Arbeiten im Haus zuweisen, dann dürft ihr mit mir spazieren gehen oder euch im Klostergarten ausruhen.
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Um viertel vor drei gibt es einen Becher Bier und eine Scheibe Brot, anschließend versammeln wir uns zur Vesper in der Kirche, hören eine geistliche Lesung oder disputieren über theologische Fragen. Abendessen gibt es um fünf Uhr, an Sonn- und Feiertagen um halb sechs. Nach dem Dankgebet habt ihr bis halb sieben frei. Nutzt diese Zeit, um eure Kenntnisse zu erweitern oder euch in Gottes Wort zu vertiefen. Kartenspiele oder Gespräche über weltliche Dinge sind keine passende Beschäftigung für einen jungen Mönch! Vor der Komplet und der Abendandacht, die um sieben Uhr beginnen, werden wir uns eine halbe Stunde lang mit den Regeln unseres heiligen Ordensgründers Benedikt befassen.
Zum Abschluss des Tages habt ihr euer Gewissen zu erforschen. Dann wiederholt das Gelernte, bereitet euch auf den nächsten Tag vor oder geht noch einmal zur Andacht in die Kirche. Um neun Uhr wird das Licht gelöscht, und ihr dürft ruhen. Haltet die sündigen Gedanken von euch fern; am besten betet, bis ihr einschlaft. So werden eure Tage vergehen. Und wenn es euch ernst ist, werden ihr die Novizenzeit nicht als Prüfung, sondern als Bewährung empfinden."
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So hatte der Novizenmeister gesprochen, Klocker waren seine Worte noch genau im Gedächtnis, so sehr hatten sie ihn damals erschreckt. Als die feierliche Einkleidung mit der Ordenstracht vorgenommen wurde, als ihm der Bader die Tonsur geschnitten hatte, hatte er sich ernsthaft gefragt, ob seine Entscheidung richtig war. Aber er hatte sich recht schnell an das neue strenge Leben gewöhnt - Abwechslung gab es ja auch immer wieder: Feiertage mit besonders gutem Essen, Feste, Ausflüge, ab und zu sogar eine Kegelpartie im Garten - und so war das Novizenjahr wie im Flug vergangen. Dann kam der Tag der feierlichen Profeß. Alle seine Verwandten waren gekommen, um der Zeremonie seiner endgültigen Aufnahme in den Orden beizuwohnen. Irgendwie war es auch ein endgültiger Abschied vom Leben "draußen" gewesen: Er hatte seinen Taufnamen Johann Anton abgelegt und vom Abt den Klosternamen Karl erhalten. Sechs Jahre lang hatte er dann studiert: Physik, Metaphysik, Logik, alte Sprachen und vor allem Theologie. 1772 hatte er die Priesterweihe empfangen. Seitdem war er vollwertiges Mitglied des Ordens vom heiligen Benedikt.
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Abt Klocker lächelte vor sich hin. Wie anders war sein Leben verlaufen, als er es sich als junger Novize vorgestellt hatte. An Abwechslung hatte es wirklich nicht gefehlt: Das Studium der Rechte in Salzburg, das er mit dem Doktor abgeschlossen hatte, dann Kaplan in einem Nonnenkloster, Lehrer für Kirchenrecht und Kirchengeschichte, Archivar und Bibliothekar, Professor an der Universität Ingolstadt, Lehrer am Emmeramskloster in Regensburg. Und dann der Höhepunkt seines klösterlichen Lebens: die Wahl zum Abt. Der alte Abt war am 4. März 1796 gestorben. Groß war die Zahl der Gäste, die am feierlichen Pontifikalrequiem und der Bestattung teilnehmen. Am 31. Tag nach dem Tod des alten begann die Wahl des neuen Abtes. Die kurfürstlichen Kommissäre, die die Wahl leiteten, fragten den Konvent nach den Zuständen im Kloster und erklärten, was der Kurfürst vom neuen Abt erwartete: Gehorsam, einwandfreien Lebenswandel und besonders die Pflege der Wissenschaften. Dann wurden die Stimmzettel abgegeben. Die Wahl fiel auf Klocker. Erst hatte er sich ein bisschen gesträubt (das gehörte sich so), dann aber doch gerne angenommen.
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Mit einer Messe und einem Festmahl wurde sein Erfolg gefeiert. Am nächsten Tag wurde er vom Bischof geweiht und erhielt die Abzeichen seiner neuen Würde: Ring, Klosterschlüssel und Pektorale. Ein großes Fest bildete den Abschluss.
Klocker genoss die Erinnerung an diese großen Tage: Der Brauerssohn war Abt eines Klosters geworden! Wenig später war er, der frischgebackene Prälat, dann auch noch Präses aller bayerischen Benediktiner geworden und damit der ranghöchste Mönch in ganz Bayern. Jetzt würde sein Leben einsamer und langweiliger werden. Das Klosterleben war nämlich durchaus nicht so eintönig, wie er es als Novize einst befürchtet hatte.
Die Pflege von Musik und Theater wurde großgeschrieben. Jedes Jahr wurden zu besonderen Anlässen Messen und Kantaten, Tragödien und Komödien aufgeführt, meist von den Nonnen und Mönchen selbst verfasst. Fasziniert hatte er zugehört und zugesehen, wenn ihn Mitbrüder über ihre Instrumente, Bibliotheken und Raritätensammlungen gezeigt hatten. Durch ein Teleskop hatte er den Saturn und seine Ringe bestaunt, er hatte seltene Versteinerungen, ausgestopfte Tiere und Münzen betrachtet, in Bibliotheken und Archiven geforscht und
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über die Ergebnisse mit den klösterlichen Fachkollegen diskutiert. Er selbst hatte sogar einmal für eine Arbeit zur bayerischen Geschichte einen Preis der Akademie der Wissenschaften erhalten. Nein, der Staat würde nicht nur gewinnen, wenn er die Klöster auflöste.
Der Abt blickte aus dem Fenster in seine Kutsche. Draußen war es dämmrig geworden. Eben lenkte der Kutscher sein Gefährt durch das große Tor in den Klosterhof und brachte es vor der Abtresidenz zum Stehen. Sie waren wieder daheim. Klocker stieg aus und eilte in seine Wohnung. Heute wollte er niemanden mehr sehen.
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